NovemberNov 13 Friday Fri 09
LICHT-UNG
»Kristall« 7“, Limited Edition
Drone Records
Ein beigelegter Pin, eine liebevoll bedruckte Rückseite und ein gespraytes Cover schaffen auf Anhieb Sympathie, die Musik nicht weniger. Licht-ung ist Fakt- und infobezogen recht schweigsam, zwar sehr betriebsam und eher in der unorthodox-verzettelten Ecke der experimentellen Musik tätig, hier allerdings geradezu lieblich und freigeistig, wofür die Namen der beiden Stücke geradezu bürgen.
»Listen To The Music Playing In Your Head« ist analoge Feedbackverdrahtung a la David Lee Myers mit ordentlich Rauschen drauf, ein wenig Mikroakribie im Stile von V/VM und last but not least so differenziert fern, dass man meint, einem zeitlich langgezogenen Bremsvorgang der Untergrundbahn in Hamburg zu lauschen. Charmant und reicht allemal für einen kurzen Sprung ins Unterbewusstsein, hingegen die B-Seite trägt dem Namen des Releases eher Rechnung:
»Heute War Ich Bei Den Weißen Elefanten« ist ein in der Tat kristallklarer elektroakustischer Drone auf der Grundlage eines transponierten Glockenspiels. Die Tonspur ist dabei genauso aberwitzig halluzinogen wie der Titel des Stückes, aber augenzwinkernd hintergründig. Es schlingert und scheppert auf den Frequenzen und letztlich fällt doch alles in die große Stille. Eines der etwas obskureren Werke auf Drone Records, aber sehr fein aufbereitet und mysteriös wie der Musiker dahinter.
4/5
KARTEN FRANKREICH
»Segment Remixes« 7“, Limited Edition
Genesungswerk
Geschichtsaufbereitung anhand dieses limitierten Vinyls aus dem Genesungswerkhaus, genauer aus dem Jahre 1999. Segment, seines Zeichens Remixer auf der N-Platte von ConSouling Sounds (s. dieses Issue) bearbeitet zwei Karten FRankreich-Titel, ersterer »Wem die Stunde schlägt« mit angenehm orchestraler Untergrundbetupfung und superben Frequenzverschiebungen auf der Sheppard-Skala. Schon der erste Akkord zieht unweigerlich in den Bahn, die kräftige Präsenz synthetisierter GAS-Akustik als Grundlage für weitere sonische Tricksereien zieht den Hörer hinab in den pervertierten Schönbergkosmos der Originalmusiker.
»Auf in den Tanz« bildet die B-Seite, beginnend mit geflangter Moogrhythmik und leicht Lali Puna-esquem Synthesizerspiel, Heimorgel auf Acid sozusagen und das alles mit dem lieblich eingebundenen Geflöte heimischer Singvogelarten. Der Rhythmus wandert im Stereo, das Bein wippt und bisweilen generiert sich ein volkstümlicher Bezug aus der Platte, den man einerseits mögen, aber auch hassen kann. Polarisierende Single.
4/5
KALLABRIS
»Music For Very Simple Objects« 10“, Limited Edition
Substantia Innominata
––– MONATSEMPFEHLUNG DER REDAKTION –––
Eine 10“ mit Boyd Rice-Bezug? Wohl kaum. Kallabris aus dem unwegsam-verschwiegenen Cranioclast-Umfeld bewegen sich mit »Music For Very Simple Objects« im angenehm nichtssagenden Raum, der Titel der Platte mit dem Hang zur visuellen Vorstellung des musikalischen Inhalts passt weniger hierher als gedacht. Eine Mischung aus minimaler Schwingrhythmik, Dronefacetten und kurzen konkreten Überleitungen erzeugen eine Stimmung, wie sie hier im Büro zuletzt beim Hören alter S.B.O.T.H.I.-LPs auftrat.
Kallabris arbeiten zeitgemäß mit moderner Studiotechnologie, ihre konkreten Geräuschhaftigkeiten dagegen, sei es das Knarren einer Tür oder das altersbedingte Schnarren und Fauchen in Würde gealteter Haushaltshilfen, beweisen einen subtilen und wohlbedachten Aufbau. Sinusähnliche Melodiefolgen, gepaart mit Synthesizerakkorden bereichern das ohnehin klare, aber nicht kärgliche Arrangement. Umseitig bietet die Platte konkrete Abfolgen von Wasserrauschen und Metallperkussion, unterbrochen von kurzen fensterähnlichen Harmoniefolgen, Stimmen und dem unterschwelligen Sirren bearbeiteter Feldaufnahmen. Schön formal ausgearbeitet, mit einem starken Hafler Trio-Bezug zu Stille und cinematischen Aufbau.
Das Artwork zur Platte stammt von Genesungswerkinhaber Andreas Mal Hoeschen, eine fein ausbalancierte Gestaltung, die in Verbindung Musik > Titel > Interpret ebenfalls angenehm nichtssagend bleibt. Monatssieger auf ganzer Linie.
RUSSELL HASWELL
»Wild Tracks« CD
Edition Mego
Noisewart Mr. Haswell stapelt sehr niedrig ob der ungewöhnlichen Albummachart. Sehr klein nimmt sich der Name gegen den Titel aus, die Linernotes im KIDZBOX-Schuber sind eher kleine augenfällige Anmerkungen, die Russell Haswell in klarer Sprache und ohne Emotion an den Hörer heranträgt. Bisweilen glaubt man fast, eine Spur Unterwürfigkeit zu spüren, obschon Haswell über eine starke Backcatalogue-Sammlung seiner sonst recht noisegeprägten Musik verfügen dürfte. Statt Comdyna, Wavetablet und post-Xenakischer Lärmattitüde versammelt Haswell auf »Wild Tracks« all jene Feldrekorder’schen Skurrilitäten, die so manch angehenden Elektroakustiker eine Lektion in punkto naturaler Dramaturgie verpassen könnten. Das Haswell dabei auch technische Bestandteile in seine Ausführungen einpflegt, macht dieses Release zu einer ungewöhnlichen Konzeption.
Klangmäßig verdichtet sich hier einiges in den abgeschlossenen Stücken der CD. Ein verrottender Vogel in der Mittagssonne, umschwärmt von Fliegen wird mittels hochempfindlicher Mikrophonie abgenommen und das Ergebnis ist fast schon übelkeiterregend ehrlich und schonungslos. Ein Helikopterflug gerät mittels sonischer Festhaltung der Rotorschwingungen zur bizarren Noisecollage aus natürlich klingenden Bestandteilen einer Flugtour. Das anmutige »Falling Snow #4, +20dB (Extract)« zeigt die verblüffend musikalische Konsistenz auftreffender Schneeflocken auf kaltem Untergrund während der letzte Titel die uralte Konserve eines pfeifenden Windzugs unter der Tür neu belebt. Haswells »Wild Tracks« ist weniger Klangalbum als vielmehr die Hörbarmachung unserer Umwelt in extremen oder schwierigen Momenten. Chapeau.
5/5
MIKA VAINIO
»Aíneen Musta Puhelin/Black Telephone Of Matter« CD
Touch
Pan Sonic’s Soloaushängemitglied Mika Vainio erschafft mit »Black Telephone Of Matter« ein weiteres Folgewerk voller obskurer Frequenzverstellungen und distortiongetränkter Mikrokonkretion. Interessant ist die Umsetzung, die gewaltige Klangsprache, die bei Vainio von Release zu Release reift wie ein gut gelagerter Château-Lafite oder sein offensichtlicher Hang zu Stille und geschmackvollem Cutup.
»Silencés Traverses De Mondes Et De Anges« ist ein solches Spitzenwerk, zusammengesetzt aus zermalmten Orchesterspuren und hochpassinfiltrierten Konkretspitzen, welche sich ähnlich einem klinisch herausgeschälten Oberton fast schwere- und mühelos in die Hörfaser nisten. Die letzten Minuten in trügerische Stille getaucht, läutet »Silencés Traverses De Mondes Et De Anges« eine John Duncan gewidmete Hommage ein, versehen mit fernen Radiointerferenzströmungen und knarrigen Rauschanteilen auf der gesamten Stereoskala.
Es ist nicht die brachiale Kompromisslosigkeit, sondern eher die Subtilität, die Vainio ausmacht. Pan Sonics rhythmisches Derivativ ist nichts im Vergleich zu Vainios fein aufbereiteter Musikmaterie. Auch historische Betrachtungen wie in »Swedenborgia« kommen zu Wort, klingen wie eine schlecht rauschende Aufnahme der »Homotopy To Marie« von Nurse With Wound, eingehüllt in stereoskopische Klangabnahmen alter Schallbecken. »Aíneen Musta Puhelin/Black Telephone Of Matter« klingt weder wie Kunst noch wie Krempel sondern einfach wie eine artifiziell unterstützte Abbildung unserer feinverdrahteten Welt, hörbargemacht auf einer 12“CD. Groß.
5/5
ANDREA BELFI & MACHINEFABRIEK
»Pulses & Places« CD
Korm Plastics
Manche Releases enthalten neben der auralen Qualität auch etwas hübsch haptisches, etwas aus der guten :zoviet-france:-Zeit: ein gediegenes Cover zum fühlen, riechen oder auch mal etwas verquer-komisches mit Kunst- bzw. Antikunstcharakter.
BromBron ist das Sublabel von Frans De Waard’s Korm Plastics, eine Serie feiner klanglicher Kostbarkeiten in zwei Sorten Karton eingeschlagen, mit Papierfahne zum Herausziehen und dem Gefühl einer kleinen gezähmten Origamisensation.
Machinefabriek und Belfi kommen hier über die bizarre Haptik des Releases hinaus, passend zum geprägten Cover in Form einer alten Landkarte gibt es schnarrige Mikrophonien einsamer Studioklänge, der Stuhl vorm Mischpult darf knarzen und sein kleckeriges Scherflein zum Klang dazugeben, während Belfi Messingschüsseln schrubbt und Zuydervelt alias Machinefabriek seine fein austarierten Klangbeigaben dazurührt. Die vier Titel überspannen sämtliche Zustände im Studio, von gelöster Mikroakribie bis hin zu glacialen Droneschichten, welche so luftig leicht erscheinen, dass es einen fast selbst aus dem Ohrensessel erhebt. Dabei gehen beide Künstler vorsichtig genug um, um dieses lockere Klangsoufflee nicht platzen zu lassen.
»Pulses & Places«, Puls und Platz, all das ist ein wahrer Klangbogen voller Kuriositäten, dem Ach!-Gefühl wenn ein wohlvertrauter elektroakustischer Regen aus den Boxen quillt und einem das Gefühl gibt, einfach noch nicht alles gehört zu haben. So muss Musik klingen, die zum Erscheinen der abgedruckten Coverlandkarte noch nicht existiert hat.
5/5
KIM CASCONE
»Anti-Musical Celestial Forces« CD
störung
Spoken Word, eingebettet in klare Feldaufnahmen. Kim Cascone verlässt die mysteriösen softwaremodifizierten Pfade seines letzten Digitalreleases »The Astrum Argentum« und begibt sich zurück in die klar umrissene Umwelt, bildet lediglich mit den Worten des Sprechers kurze akustische Assoziationspunkte und dann wird der Ton leise, hinab geht es in langgezogene Cellotöne, ein paar verhaltene Stimmen im digitalen Korridor sowie sacht manipulierte Hintergrundgeräusche unbekannter Herkunft. Das ganze Bild schwankt, es säuselt und fräst sich die Klangmaterie von Aggregatzustand zu Aggregatzustand ähnlich einer Wundertrommel durch die digitalen Halden, Bahnsteige und minimalen Elektroakustiktreatments. Musik für David Lynch, wenngleich der Anteil Konzept diesmal erstaunlich gering für Cascone’s sonstige Verhältnisse ausfällt und das Ende etwas abrupt aus den Träumen reisst.
4/5
MUDBOY
»Mort Aux Vaches« CD, Limited Edition
Staalplaat
Diesmal in gediegener Holzpanele wirkt das neueste Installment der niemals endenden MOV-Serie wie eine Lektion in Sachen originelle Covergestaltung.
Die Musik ist reichlich gewöhnungsbedürftig, dennoch nach mehrmaligem Hören nicht weniger originell. mudboy erarbeitet seine Musik mit limitierten Zuspielmöglichkeiten, ein kurzes Delay hier, eine Rückwärtsschleife dort, überhaupt wirkt die Musik wie ein kurzes Pastiche, zusammengesetzt aus Kasiotonschleifen und mudboys Stimme, immer wieder schimmernd und sich neu findend, swinging lofi-phonics eben.
»B.O.G.« ist Fernweh in Holland, die Orgel schwingt und noist, so kräftig zerren Register und Verstärker am dünnen Luftstrom, Hunde jaulen im Hintergrund, eiskaltes Wasser gerinnt zu merkwürdigen Tongebilden während die Kulisse sich immer mehr selbst dekonstruiert und am Ende in infernalisches Hundegezeter übergeht. »Osandways« hommagiert Musik a la Aki Tsuyuko, eine einsame Orgel inmitten rauschig-kratziger Verzerrung und flitterigen Sprengeln raschelnder Blätter und tschilpender Vögel. Leider hält die CD die stille zurückgenommene Strukturierung nicht gänzlich, lediglich obige Titel gewähren eine innige Betrachtung der sparsamen Instrumentierung, wogegen der Rest der ohnehin knappen CD wie eine lustlose Abkurbelung der vorherigen Parameter wirkt. Insofern schade, da eine ganze CD mit beiden Titeln in Variation durchaus seinen Reiz gehabt hätte.
3/5
NÖRZ
»(Also Known As) Acker Velvet« CD, Limited Edition
Schraum
––– MONATSEMPFEHLUNG DER REDAKTION –––
Schraums neuester Release geht diesmal erneut in die Kammermusikalität, die Grätsche zum bereits im AEMAG rezensierten »Discard Hidden Layers?« von Hughes/Scherzberg/Wiese hätte indes gewaltiger nicht ausfallen können.
Nörz arbeiten mit diversen Celli, einem Tapedeck und Feedbackschleifen, welche in Verbindung mit dem obertonreichen Celloklang zu wahren Droneschichten stockt wie fluides Eiweiß in heißem Wasser. Was als betont rauschiger Artefaktsound beginnt, mutiert über die kurze Spieldauer der CD zu einer betont lässigen und erstaunlich unanstrengenden Collage aus Feedback, stereophon gemischter Knispelattitüde und dem breitwandigen Schwirren der Cellosaiten. Bisweilen gleitet die Komposition ins betont konkrete ab, dann wiederum knarrt es geradezu elektroakustisch durch die Boxen, während die klangliche Besiedelung der konstanten Blockdröhnungen sich fast schon vornehm zurückhält.
Nörz erschaffen eine artige, aber in ihrer klanglichen Vollkommenheit angenehm biestige Vorstellung verquerer Kammermusik, mit dem deutlichen Fokus auf ungewöhnliche Metrik und einem Quantisierungsmechanismus, der deutlich Zufall ruft- Musik, die sich nicht festlegen will, aber bei genauerer Betrachtung eigentlich die Schublade fast zuzieht. Fast aber nur, und dennoch haben wir so was wenn wir ehrlich sind, auch mal wieder gebraucht. Ganz klarer Tagessieger.
5/5
MOWE
»Humsibum« LP
90% Wasser
Mowe sind dem Klang nach ein weiterer, deutlich an Column One angelehnter Ableger des aberwitzig verzweigten 90% Wasser-Labels. Die Verwendung leiser Kinderstimmen in Verbindung mit gräsig-gefilterten Feldaufnahmen lässt den ersten Ansturm der aufrechten Nackenhaare hochstehen. Eine Kirmesorgel wankt durch die Stereoaufnahme und lässt die Unterlippe des Hörers etwas subaltern abstehen, während offene Türen mit Geschrei erobert werden und honigmondsüße Melodien dem quergelenkten Feedbackfeuer vorangehen. Umseitig raunen gestreckte Stimmen etwas unverständliches in die stille heilige Nacht, während furzende Moogsynthesizer ihre anrüchige Elektronik zum besten geben. Es ist soweit! Ja tatsächlich, der Samplewahnsinn von Column One begegnet einem in Mowe’s Welt auf Schritt und Tritt bzw. Runde und Rille.
Beschreiben kann man diese Platte dennoch nicht. Am besten kaufen und hören, denn Mowe machen Kino für die ungeschlossenen Augen und Ohren und nicht nur für den Kopf.
5/5
N
»Trischen« LP, Limited Edition
Genesungswerk
N hat ein gutes Jahr, wie kein anderer hat der Gitarrist von [multer] dieses Jahr das AEMAG begleitet und nun im Fast-Winter erfolgt die Besprechung der letzten N-Veröffentlichung im gewichtigen Pappcover und mit einer gänzlich schwarz belabelten Pressung. »Trischen« ist ein Werk für den Herbst, die Klangwellen branden förmlich durch den Phonowandler, agieren zur jeweilig traurig-tristen Aussicht aus dem Fenster und schaffen assoziative Gedanken zum wolkenbehangenen Himmel. Von Küsten erzählen die Titel, von der Drift und dem Salzwasser der rauen stürmischen See, vom ewigkreisenden Strom der Gezeiten. Und genau diese Stimmung belebt N so perfekt, als fungiere die Gitarre und das Analogdelay als Dirigentenstab für die aufgewühlte Wasserflut. Verzerrer überborden das ruhig dahinfließende Klangbett mit ihrer zittrigen Kraft, die musikalischen Wellenform bildet seismisch erhobene Spitzen, während die Welt zwischen umdrehen und auflegen der Platte die alte bleibt. N als musikalischer Poseidon wird dieser Rolle mehr als gerecht und selbst wenn der Vorhang fällt, trägt die rauschige Auslaufrille den Klang der gebrandeten Welle weiter.
5/5
OctoberOct 19 Monday Mon 09
MIRKO UHLIG
»Gyokuro« CDR, Limited Edition
Gears Of Sand
Mirko Uhligs Beitrag zur eigenen und genesungswerktechnischen Diskographie zusammen mit N klingt mir noch sehr sehr angenehm nach, doch »Gyokuro« zaubert all jene Facetten ans Tageslicht, welche sich »Sanddorn« nicht bedient. Bisweilen ist es besser, Dinge zu teilen und da macht auch dieses Album absolut keine Ausnahme.
Eine gänzlich andere Welt besteigt Uhlig hier, so farbenprächtig wie die bedruckte CDR präsentieren sich alle jene Hafler Trio’schen Spektraldrones, Tinkersprengsel und leichtgewandteten Streichersonette, welche wie in »Practice« das Klanggefieder erden oder in »Their Songs« das Gefieder sanft abschaben und die darunterliegende warme Vogelhaut als Resonanzkörper für metallische Ambarchi-Drones nutzen. Die CD ist erstaunlich kurzweilig, der generelle musikalische Takt wirkt straff, aber nicht angezogen. Für Ambient zu rau, für Drone zu verspielt konzentriert sich »Gyokuro« auf wenige Klänge um diese in bester Minimalmanier durch Abwechslung und kontrastreiche Bearbeitung gegenüberzustellen. Selten hat eine der letzten Veröffentlichungen aus dem Drone-Untergenre so wunderbar unesotherisch geklungen. Do Birds Practice Their Songs In The Garden Of Gyokuro? Gute Frage.
5/5
RUI COSTA AND FRIENDS
»Sightseeing For The Blind« CD, Limited Edition
1000füssler
Im Booklet schweiferisch erklärt, hat Costa die Lissabon’schen Plätze und Orte der Allgemeinheit mittels eines Stadtführers erkundet und dabei Aufnahmen erstellt, welche nun auf 26 Minuten gestreckt mehrere digitale Synthesen durchwandern um letztlich als reichhaltig avantgardeskes Klangwerk jene besuchten Plätze als Komposition abzubilden.
Der Subbass des Anfangs weicht kurze Zeit später einer unsauber eingeleiteten Scratchorgie mit dramaturgisch-horroresken Transpositionsdrones um später Lissabons unter der Oberfläche lauernden Nachtstimmung Platz zu machen, welche Costa in beunruhigende Dronebögen und kritterige Schleifgeräusche wickelt. Die klangliche Betonung liegt dabei mehr auf den Einzeltönen Lissabons, Straßenzüge und Autoverkehr sind ebenso wenig zu hören wie atmosphärisches Großstadtflair. Costa bedient sich bei seiner Audiocollage durchaus den Mitteln neuzeitlicher Komponisten, alleine seine Erzählführung anhand der verschiedenen Audiotransformationen vermag den Hörer vollends zu überzeugen es weniger mit einem elektroakustischen Abbild der Stadt zu tun zu haben als vielmehr mit einer freien Komposition.
Fünf weitere Gäste hat Costa geladen um seine Struktur aufzugreifen und weiter fortzuführen. Labelchef Gregory Büttner spielt das Quellmaterial auf 10facher Geschwindigkeit, subtrahiert die anfallenden Mitteltöner und reichert das aufgebrochene Klanggerüst unter Zuhilfenahme von Feedbacktreatments und eigener Feldaufnahmen an. Ähnlich wie Peter Rehberg legt Büttner den Audiofokus auf sanft abgewedelte Subbässe und reverbgespeiste Einzeltonphänomene, ehe das fragile Klanggerüst in leise Ungeräuschhaftigkeit fällt. Pali Meursault und Bill Jarboe liefern hingegen erstaunlich unhomogene Stücke ab, Meursault darf sich in fünf Minuten Unbeständigkeit via Rauschen und Feedback wälzen, während Jarboe das wohl schwächste Werk liefert: Ein unsauber erzeugter Digitaldrone wandert fünf Minuten ereignislos durchs Stereofeld. Maile Colbert hat seine Lektion von Terre Thaemlitz gelernt und spielt beeindruckend mit dem Verhältnis Stille und Ton, ehe in der Mitte ein Hafler Trio’esker Drone einsam seine nervösen Runden zieht. Marc Behrens liefert mit »Site For A Numb« den längsten Gastbeitrag, alleine sein Mix vermag ebenso wenig zu überzeugen wie seine Vorreiter. Das binaurale Rascheln der Feldaufnahmen ist dabei Grundgerüst für eine rumpelnde Komposition, die nach wenigen Minuten fast ein wenig in Beliebigkeit zu versinken droht. Sehr durchwachsen, für Büttner und Costa selber jedoch
3,5/5
FUCK BUTTONS
»Surf Solar« Picture 7“
ATP/R
»Surf Solar« ist wagemutiger Noisepop, irgendwo zwischen Library Tapes und M83, weniger symphonisch, dafür aber mit anmutiger Orchestrierung mithilfe des bandeigenen Samplers. Die ideale Festivalsteilvorlage mit Ohrwurmcharakter, die sich so ganz und gar unkommerziell geben will und daran letztlich gnadenlos scheitert. Eingängiges Intermezzi auf der A-Seite, zerschreddert und auf Uptempo geliftet via Gate und Decayregler, unterlegt von einer fast schon pervertiert süßlichen Klangrhythmusnote, die ein wenig zu offensiv den Loopcharakter des Stückes bestimmt.
Umseitig geht es allerdings weniger poppig zur Sache. Zeitverzögerte Schlagzeugmanifestos und ein schmissiger Harmonikaakkord dominieren hier das eher sanft abgeschwächte Klangbild, bisweilen ein wenig an die Akkordschiene eines Marc Richter (Black To Comm) erinnernd. Ein paar eingestreute Vokalschnipsel durch den Harmonizer gedreht ergeben ein fast schon anti-pop kulturelles Soundhighlight mit gnadenloser Zerstörung des sonst so glatt polierten Musikparkurses der Neuzeit. Das so etwas heute noch seine Berechtigung haben sollte, das haben die Fuck Buttons hier eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Mutig.
5/5
PHILIPPE PETIT & FRIENDS
»(Reciprocess : +/vs)« CD
BiP_HOp
& WIRE
Insgesamt 18 Künstler prosten hier Philippe Petit zu, darunter Namen wie Aidan Baker, Cosey Fanni Tutti oder dem Strings Of Consciousness Kollektiv. Petit stellte das Grundgerüst, eine 70minütige Komposition, welche von befreundeten Künstlern fach- und eigengerecht verwertet und ergänzt wurde. Das Ergebnis wurde schlussendlich zum 10jährigen Labelbestehen und zur 25jährigen DJ-Karriere aufgelegt und vom WIRE sogar kostenlos dem Magazin beigelegt.
Die CD selber ist geschmäcklerisch erstaunlich vielschichtig. Randall Fraziers Stimme zum fast schon neoorchestralen Sound Petits wirkt wie eine Glasnadeldusche auf schlüpfrigem Marmor, so feingliedrig wirken Digitalexzess und Stimme zusammen. Aidan Bakers Beitrag ist mit keiner seiner Guitar-only Kompositionen zu vergleichen, wohl aber eine Annäherung an psychedelisch motivierte High Energy Jazzsphären, deren Grundtonalität auf verzerrtem Wassergurgeln beruht. Cosey gibt den Vamp und rezitiert passend zur rückwärtsgerichteten Subbass-Klangbastonade die entsprechenden surrealen Verse, während Faustmitglied Jean-Hervé Peron Anfangs Hörner sprechen lässt, ehe Feuerwerkskörper geradezu heroisch die fast an die Marsellaise heranreichenden Wortdarbietungen Perons untermalen und damit dieser Kompilation eine Ehrerbietung zum Labelbestehen in Form einer musikalischen Postkarte verleihen. Eine weitere Perle bildet der Beitrag von Lydia Lunch in Form düsterer horroresk verzerrter Synthesizermusik, die Stimme heruntergezogen auf ein lüsternes Frage und Antwortspiel mit dem Hörer. Erinnert fast wieder an die goldene Zeit von Throbbing Gristle. Sieg auf ganzer Linie.
5/5
N(5)
»Skizzen + Notizen« LP
ConSouling Sounds
N legt mit obiger LP einen würdigen Remixvertreter seiner älteren Platte »Bergen« auf Genesungswerk nach. Consouling Sounds versammelt Mirko Uhlig (Aalfang mit Pferdekopf), Segment, Fear Falls Burning und N selbst auf zwei LP-Seiten und der athmosphärische Faden der versammelten Kompositionen könnte größer nicht sein. Überhaupt ist es das Jahr für Uhlig/N, deren vorausgegangene 7“»Sanddorn« im AEMAG-Büro gar nicht erst im Regal einsortiert wurde, sondern gepflegt wöchentlich läuft.
Uhligs Beitrag ist gewohnt frequenziert, seine Bearbeitung klingt zumindest auf der Promo-CDR wie ein psychoakustischer Drone-Test vom Hafler Trio unter Zuhilfenahme der Anti-Group. Der Ton wandert nicht nur binaural, sondern scheint seine Klangfülle je nach Position des Hörers zu verändern. Mindfuck par Excellence, wenngleich für die Dauer des Stückes gewagt kurz. Segment liefert den 13minütigen Soundtrack, beginnend mit orchestralen Schwingungen und harmonisierten Brüchen, später überwechselnd auf geräuschhafte Subakustik á la Onde mit stakkatohafter Polyrhythmik und clickerigen Gitarrensprengseln.
FFB bezieht die Energie seines Reworks definitiv aus dem Drone Industrial, delikat wird mittels Verzerrung und hochpassgefilterten Gitarrenschlieren das »Bergen’sche« Grundgerüst eingestampt und mittels rückgewandeter Klangbildung wieder aufgebaut. 12 Minuten essentielle Minuten, mit geradezu wahnwitzig verblüffenden Anleihen an Can’s athmosphärisches Synthesizerspiel. N selbst remixt sich selbst, seine Kontribution wirkt allerdings gewohnt zerbrechlich und nah am Audio-Nullpunkt, genauso fragil wie die originelle Covergestaltung in Form eines nahabgenommenen Stempelkranzes in einer Blume. Großartige Platte, nicht nur für Freunde und Genießer des Genres.
5/5
BRUCE GILBERT
»Oblivio Agitatum« CD
Editions Mego
Hmm. Bruce Gilberts Beitrag nach jahrelanger Releaseabstinenz bringt mich wiederum zum Nachdenken, inwieweit solche umkulteten Audiobeiträge noch gefragt sind. Opener und Closer des Albums zeigen nicht wirklich neue Erkenntnisse, wohl aber Minimalismus extremster Form, wobei die Frage nach Quelle und Ursprung des Materials sich wohl kaum stellt. »Isopyre« zeigt zwar postindustrielle Strömungen (und eine gewisse Nähe zu Werkbündischer Audio-kratie), »Zeros« wirkt hingegen als 26 Minuten währendes Chamäleon wie eine Chimäre aus den guten Zeiten des Industrial, als P16.D4 noch an Tapes schraubten und Illusion Of Safety das Zeitalter des ernstzunehmenden Akustiknoise einläuteten. So ganz neu klingt die CD einfach nicht, das Rauschen der Aufnahmen wirkt geradezu verdächtig nach Rerelease- wer weiß in welcher Schublade Gilbert das DAT zur CD gefunden hat. Für den Retrocharme gerade noch
3,5/5
SeptemberSep 2 Wednesday Wed 09
MARCONI UNION
»Tokyo« CD
BineMusic
Das Artwork wirkt wie eine verhuschte Aufnahme einer Lichtreklame aus dem fahrenden Auto heraus und auch die Musik scheint einem ähnlich flüchtigem Charakter zu unterliegen. Ich weiss nicht wie Tokio klingt und so ganz suburban wie gedacht klingt diese CD auch nicht.
Marconi Union transportieren jedoch den Drive’n’Feel einer Großmetropole in dubbige, teilweise flächige Exkursionen mit einem thematischen Schwerpunkt der dunklen, neongefilterten Clublandschaften Japans. Experimental wirkt hier kaum was, weder die metallischen Resonanzen noch die verhallenden Perkussionen, aber die Musik entzieht sich gekonnt der konkreten Bezeichnung Techno auf charmante Weise. Viervierteltakt und Fläche, dort mal ein Dubeffekt, dort eine reverbgefaltete Snaredrum, aber alles ganz leise und dezent. Mir persönlich klingt das alles ein wenig zu weit entfernt vom eigentlichen Gedanken, denn zwischen Suburbia und japanischer Clubmusik liegen hier wahre Welten, die CD versteht sich eher als Näherung an die bunte farbenprächtige Welt in der die Musik spielt. Und das ist ja auch schon mal was, wenn auch nicht ganz so viel wie erwartet.
3/5
STRATEGY
»Noise Tape Reggae« 7“, Limited Edition
Entr'acte
Der gute alte Tapeloop, jene technisch etwas aufwendigere Spielerei kommt hier mit der Unterstützung analoger Gerätschaften aus. Klingt den Worten nach wie Strotter Inst. auf Audiotape gehievt. Oder Turntablism auf Spulenband. Grundlage der beiden Vinylseiten sind bearbeitete Reggae Mixtapes, verwandelt in endlose Loops, angefüttert mit analoger Verschaltung.
»Repurposed Dub« beginnt erstaunlich unanonym, das Grundmaterial wird lediglich durch den Einsatz sich aufbauender Delayschleifen angedickt und durch Filterfahrten weitgehend dumpfer und satter geschnitten. Dub wird großgeschrieben, aber es fehlt ein wenig Abwechslung auf der A-Seite. Das umseitige Werk »Taper's Rock Dub« macht hingegen alles richtig: Der Beat wippt wie zu Squarepushers „Ultravisitor“-Zeiten, die Basis wird mittels Geschwindigkeiten einer psychedelischen Tonverlaufsfolge unterworfen und die Bässe wirken mittels Verzerrung und resonanzhafter Delayspitzen wie Echodoppelungen einer defekten Bandmaschine. Sehr kurze Scheibe, aber zumindest auf der B-Seite würdig umgesetzt.
4/5
MIRKO UHLIG/N
»Sanddorn« 7“, Limited Edition
Ex Ovo& Genesungswerk
––– MONATSEMPFEHLUNG DER REDAKTION –––
Mirko Uhligs Beitrag zur Sanddorn 7“ sprengt alles bisher gehörte. Ein melancholischer Pianoloop wird von unterschwelligen Drones begleitet, lediglich die Anschlagdynamik variiert die Dominanz der Töne, modernes Effekthaschertum sucht man zwischen den verlorenen Tönen vergebens. Nach der Hälfte der Uhlig’schen Seite ändert sich die Sonate, wird zu einer breiten John Carpenter’esquen Stimmung, unterlegt mit schiffssirenenhaften Drones und dem begleitenden Knistern der transparenten Schallplatte. Die Szenerie endet fast schon unsensibel abrupt, die Grundstimmung hallt dafür umso länger im Gehörgang nach.
N, der Gitarrist von [multer], verlegt umseitig seine Stimmung auf frequenzangereicherte Dronelandschaften, eingehüllt in das höhengefilterte Schneetreiben einsamer, weiter Prärien. Es wabert und summt, die Intensität der Töne bestimmt das Feedback der verwendeten hochgestimmten Gitarrenseiten und dennoch ist die Musik so lieblich dezent, dass sie guten Gewissens als positiv gefärbte Möbelmusik gelten darf. Das Artwork, gedruckt auf Folien umschließt die transparente Single im übrigen hervorragend visuell, die Musik wirkt genauso. Klarer als Wasser und das eisige Treiben der auf dem Einband abgelichteten Sträucher im Winter wirkt erstaunlich als Wechselbeziehung zwischen Bild und Ton.
5/5
THE INFANT CYCLE
»The Secret Message« 7“, Limited Edition
Drone Records
The Infant Cycle sind beileibe kein unbeschriebenes Blatt, das Inlay ihrer Single listet säuberlich wertungsfrei ihre bis dato erschienenen Veröffentlichungen auf. Das merkt man der Musik auch an: professionelle Dronemusik mit viel Sinn für Dramatik und letztlich auch mit Seele. Die verborgene Nachricht in dieser Platte bleibt indes auch unsichtbar, die Musik selber ist jedoch eine Steilfahrt durch phrasierte Drones und schlingernde Konkretmaterie, durch intelligente Anordnungen industrieller Restgeräusche und orchestraler Mikrotonalität. Ein wahrer Ohrenschmaus, welchen The Infant Cycle hier bieten. Das Arrangement kippt, der monotone Rumpeldrone mit entfernt musikalischer Herkunft gleitet über in den klanglichen Abyss schleifiger Stimmverzerrungen und sanfter Feedbackverzierung.
Die B-Seite »Trombone« wirkt anfangs wie klassische Insrumentalharmonien, wechselt jedoch nach wenigen Augenblicken zu einer rhythmisch unterlegten Soundcollage, welche sich so obertonreich über den Hörer ergießt, das man sich fragt, ob man nicht das Fenster öffnen sollte, um all der klanglichen Vielfalt Raum zu geben. Exzellentes Material.
5/5
HERIBERT FRIEDL
»Recherche_00« CD, Limited Edition
Non Visual Objects
Der glasklare Sound der NVO-Publikationen war bereits an anderer Stelle ausführlichst gelobt worden und auch Friedls Beitrag zur wachsenden CD-Reihe des Labels hält diesen Standard mit Bravour.
Waren die ersten Publikationen angelehnt an die computergestützte Veredelung des Hackbretts, wird hier auf »Recherche_00« bisweilen recht Tietchen’esque das Signal eines Yamaha-Synthesizers einer Frischzellenkur via DSP unterworfen. »Phase 1« wirkt wie eine Annäherung an Tietchens Teilmengen, ein reduziertes Klickgeräusch wird fauchenden Tönen beigemengt, das Konglomerat wirkt dabei wie ein Schaltkreisfehler neben einem ständig auf- und zugedrehten Bunsenbrenner. Erstaunlich minimal für Friedl, aber darum nicht weniger hypnotisch. »Phase 2« klingt etwas fülliger, fermentiert das Klicken zu granularen Tempifahrten und sirrenden Feldaufnahmenverschiebungen. Der Gestus der Aufnahmen liegt dabei bei Chartier’s L-NE-Labelästhetik und minimaler Feinstrhythmik. Sinustöne brechen die monoton, softindustrielle Kulisse etwas auf, ohne die Macht der hohlklopsartigen Klickersounds zu brechen. Vielleicht sollte Herr Friedl mal mit Tietchens einen Milchkaffee trinken gehen.
5/5
ORGANUM/Z’EV
»Tocsin -6 Thru +2« CD
Die Stadt
»Tocsin -6 Thru +2«, dass erste collaborative Ergebnis der beiden Platzhirsche harscher Dronevervielfältigung und perkussiver Elektroakustik ist ein Monolith karger fehlgeleiteter Max/MSP Maxime und artefaktischer Filterbiegung. Die 6 Z’EVschen Werke (»Tocsin -6« bis »Tocsin 0«) sind seltsam wirre klangakustische Phänomenergebnisse. Klavierseiten schlingen sich um metallisch reverbierende Resonanzkörper, umgeben von einem wahren Gewitterstrom klebriger Artefaktion im Stile eines schlecht aufgerasterten MP3s. Die kurzen Stücke wirken wie Skizzen einer Grundidee, erweitert zum Nullpunkt hin um immer raffiniertere Klangbrechungen und elektroakustische Manipulationen. Teilweise fast schon wie eine digitale Abkopie von Organum, aber mit einem sehr selbstständigen Charme und fast schon analogen Wärme.
Organums Beiträge (»Tocsin +1« bis »Tocsin +2«) sind naturbelassene und fast wenig bearbeitete Klavierabtastungen, verziert um kleinere Hallspielereien und resonanzgefilterte Hintergrunddrones. »Tocsin +2« greift die kleine Klavierweise der ersten Struktur auf, lediglich ergänzt um Bogenstreiche auf blankem Metall und in den Inneren des Klaviers abgenommenen Mikrostrukturen. Musik für kalte Wintertage.
5/5
DJ ORDEAL
»Sea/Seagull« LP, Limited Edition
Entr'acte
JACQUES BELOEIL
»Bidules 1-9« LP, Limited Edition
Entr'acte
––– MONATSEMPFEHLUNG DER REDAKTION –––
Die zweite monatliche Empfehlung geht diesmal an DJ Ordeal und Jacques Beloeil. Die raue stürmische See, konterkariert mit den Geräuschen hochgepitchter Bandschlaufen, die im musikalischen rauen Klangkorsett wie Seevögel wirken und sich neben den echten Möwengeräuschen wie artifizielle Soundsplitter ausnehmen. Für Ambient zu sperrig, wirken die zwischen der Brandung und dem Auftreffen der Wellen am Strand eingesetzten Cut-Ups tiefgesetzter Streicher wie eine Nachvertonung des Spielberg’schen Weißen Hai-Themas.
DJ Ordeal mischt zwischen die Wellen neben allerlei Vogelgeräuschen auch die kurz eingespielte Acapellastimme einer unbekannten Soulsängerin, während eine weitere Frauenstimme kurz nach Entsteigen der Wellen ihr Sauerstoffbedürfnis mittels eines feuchten Seufzens kundtut. Ordeals Mischung steigert sich mit Fortlauf der A-Seite, die Wellen werden zum Träger weiterer leiser Informationen (vielleicht die »tiny bits«, die kleinen {klanglichen} Stücke, die Ordeal in den Notes erwähnt?), ehe das Stück endgültig in die Auslaufrille der LP überschwappt.
Umseitig findet sich das Stück »Seagull«, eine Vertonung des Möwenthemas mittels einer unechten Möwe (generiert aus dem zu schnell abgespielten Teil einer Vokalaufnahme) sowie dem Anschein nach echten Klängen der Wassermöwe. Das Experiment wirkt als hätte Ordeal das ganze auf Echtzeitbänder übertragen und noch während des Mischens kräftig am Band gezerrt. Gespeist in feinste Reverbschwaden und mit leicht angezerrter Struktur klingt die B-Seite so dermaßen kunstvoll via Rückwärtsspur und Tapedelay dass die Monotonie und Repetition des ganzen sich nach kurzer Eingewöhnungszeit mehr und mehr in Wohlgefallen löst.
5/5
Trashpattern. Ein kleines Casio SK1 wird mittels einfachster Lo-Fi Effekte in ein minimales Maximalorchester konvertiert. Felix Kubin werden einige rufen, Gameboy Alliance die anderen. Dabei wirkt die Platte von Beloeil zunächst wie eine akademisch-wichtige Referenzplatte, der Inhalt ist es hingegen nicht, es sei denn der gelahrte Musikprofessor der Neuzeit bewiese starken Humor- denn die kleinen »Bidules« erstrecken sich auf der A-Seite zunächst wie kleine Minikompositionen eines wiederholt abgespielten trashigen Musikdemopattern.
Dabei folgen die Stücke mit starker Referenz an mitteleuropäische Orgelmusik auf doppelter Geschwindigkeit keiner genauen Schematik. Die Auswahl der Effekte ist ebenso reduziert wie der charmante Lollipopcharme des gesamten Werkes. Mittels einfacher Delayeffekte wird teils die dünne Songstruktur gedoppelt, der Rest der Musik folgt den teilweise recht eingängigen Musikervorstellungen.
Die B-Seite wartet mit dem alleinigen Stück »Bidule 9« auf und was sich da über den Hörer ergießt ist gar nicht in Worte zu fassen. Beloeil wischt sämtlichen Kammermusikkonzertantenregeln fort und fährt ein harsch-droniges Regiment mittels seiner Unterhaltungsorgel auf. Wo die A-Seite sich wie ein musikalischer Biedermeiertraum verhält, gerät genau diese Regel umseitig zur Farce. Es dröhnt und knarzt, die Orgel wird mittels extensiver Filterung ihrer Abdeckung beraubt während Beloeil mit hervortretenden Augen die Tasten bearbeitet, um sich nach einem mörderischen Arpeggio ein Glas Wein zu genehmigen ohne den Rekorder dabei abzustellen. Wirklich große Klasse.
5/5
AugustAug 10 Monday Mon 09
ASMUS TIETCHENS
»Flächen Mit Figuren« CD, Limited Edition
Non Visual Objects
Nach Asmus Tietchens’ reduzierter Mikroakribie (verteilt auf bisher sieben in Serie laufenden Tonträgern) wartet man eigentlich wieder auf ein konkretes Werk zwischen Stimme und Wasser- nichts von alledem wird wahr. »Flächen Mit Figuren« versteckt sein Quellmaterial gut, unter neuem Titel wird die Frage, ob es eine weitere Ausgabe der Teilmengen darstellt völlig überflüssig, das Material hingegen bietet seit langem das abwechslungsreichste von Tietchens überhaupt.
Lange dünne, wie Spinnfäden gewebte Hintergrundchöre beschreiten unbeirrt durch synthetische Ploppklänge und moog-genährte Sinus-Etüden ihren langsamen Gang, rechts und links harren derweil verborgen im digitalen Dunkel wölfisch hervorbrechende Kaskaden schweifiger Klänge und verbogene Industriereste.
Das Material gerät von Titel zu Titel dezenter, der Einstand mit rasanten Pulsfahrten durch 12000hz-Töne weicht später mehr und mehr dem Einsatz zerstörter Droneflächen und schlägt einen Spagat zu Tietchens älteren Werken. Der Werkbund-Klangphilosophie nicht unähnlich verweben sich geisterhafte Schwingungen zu federnden Dronebetten für die laut und leise eingewebten Kratzer, Schlieren und bizarren Einzeltöne aus Tietchens Studio. Große Sache.
5/5
HAMAYÔKO
»SHASO –train window–« LP, Limited Edition
Entr'acte
Entr’acte bietet mit »SHASO –train window–« ein fremdartig wirkendes Audiowerk der Künstlerin Yôko Higashi, deren musikalischer Duktus sich zwischen musique concrete und Electropop ausbreitet. Geradezu cinematisch verwebt sich hier der leise säuselnde Gesang einer japanischen Oper mit den teilsynthetischen Klängen von hamaYôko. Das in den Credits Felix Kubin gewürdigt wird, mag man sich angesichts der versammelten Klänge als gegeben und passend ansehen, jedoch liegt in hamaYôko’s Musik ein gänzlich anderer Ansatz als im Mooggezwitscher des Hamburger Felix Knoth.
Die A-Seite ist dezent, die australisch wirkenden Digderidoo-Drones und quietschenden Scharniere werden mit Raumaufnahmen aus dem Fernseher verputzt und neu verklebt, so dass sich eine eigenständige Collagenform einstellt die selbst vor dem Einsatz einer schrägen Kirmesmelodie im Kinderzimmer nicht zurückschreckt. Der Electropopansatz zeigt sich nur selten, lediglich im Endstück korrelieren verzerrte Casiotöne und Synthesizerfeedbacks mit Higashi’s Stimme.
Die Rückseite ist gröber eingeteilt, in drei großen Kompositionen zeigt sich mit einem Mal die fast schon Boards Of Canada-ähnliche Stimmung, die hamaYôko aufzubauen versteht. Feedbacks und Vibraphonklänge vermischen sich zu seltsam horroresken Klangepen, deren gemächlich vorbeiziehender Soundschleier durch Grundpulse und andere Achsenklänge gehalten wird. Leichte Kost ist »SHASO –train window–« dennoch nicht.
5/5
MARINOS KOUTSOMICHALIS
»Anasiseipsychos« CD, Limited Edition
Entr'acte
Koutsomichalis ist mir kein Begriff, wenngleich seine Biografie auf einen angesehenen Künstler schließen lässt. Eine Stunde lang moduliert er hier nun Sinustöne, sei es in Reinstform oder als Sheppard-ähnlicher Tonverlauf, das Ergebnis ist bei leisem Volume erstaunlich interessant. Grundpulse variieren nur gemächlich, die Oberflächentöne wirken wie akustische Lücken, die nur das an die Ohren der Hörer kommen lassen, was sich auch bei leiser Grundlautstärke durchsetzen kann. Das war es dann leider auch schon. Irgendwann kippt das Interesse an der klanglichen Gesamtsituation, der berüchtigte Redundanzeffekt tritt ein.
Dabei hätte die Idee durchaus potential. Das Verhältnis von hohen und tiefen Tönen ist nicht beliebig, sondern zeugt von einer musikalisch hochwertigen Vorbereitung. Sicherlich ist es angesichts des Konzeptes und Materials schwer, eine ansprechende klangliche Umsetzung zu gewährleisten, aber Koutsomichalis zeigt leider nicht die Raffinesse von Alva Noto oder gar CM von Hausswolff.
Die Linernotes der CD sprechen von »Sideeffects« und anderen psychischen Begleiterscheinungen die während der Wahrnehmung auftreten sollen, aber so ganz überzeugen will mich die Sache nicht. Dafür ist das Material einfach zu dezent und glatt. Vielleicht wäre eine Addition weiterer Elemente aus dem konkreten Bereich dann doch eine bessere Wahl gewesen. Sehr spezielles Konzept.
3/5
YELLOW SWANS
»Mort Aux Vaches« CD, Limited Edition
Staalplaat
Bruitismus großgeschrieben. Metallschleifen, Horndrones wie zu besten David Jackman Zeiten und rostige Gitarren, eingehüllt in einen Lärm der ebenso gut von Survival Research Laboratories’ industrieller Lärmberauschung stammen könnte. Die wahre klangliche Substanz wird wohlverborgen unter einer dicken Schicht bröseliger Klangverklebung, der infernalische Noise bricht sich in statischen analog verdrahteten Wellenschlägen bis an die Schläfe des geneigten Hörers.
Die vier unbetitelten Stücke sind dabei alles andere als langweilig. Auf der gesamten Audioskala passiert etwas, sei es in Form langer, sich gegeneinander aufschaukelnden E-Gitarren Soli sowie röhrenden Feedbacks, die eines Henryk Rylanders würdig wären. Klassizistischen Noise sucht man dennoch vergebens, der die Umstände begleitende Krach dient hier vielmehr der audiophilen Andickung des ohnehin recht üppigen Materials. Yellow Swans wirken nicht wie Menschen, wohl aber wie Maschinen, die innerhalb ihres auralen Disputs versuchen Rockmusik zu produzieren. Besonders eilig scheinen sie es dabei nicht zu haben, denn die gesamte CD strotzt nur so vor Langsamkeit und Gemächlichkeit im Aufbau. Starker Tobak und sicherlich nicht für jedermann. Und das zuckersüße Einbandbild darf man dabei auch nicht allzu ernst nehmen. Nicht alles was außen zu sehen ist, muss auch in der Verpackung drin stecken.
4/5
MY CAT IS AN ALIEN
»Mort Aux Vaches« CD, Limited Edition
Staalplaat
––– MONATSEMPFEHLUNG DER REDAKTION –––
Wenn die Covertypo schon nichts aussagt, dann aber bitte die Graphik. Das lentikulare Cover zeigt im Raffereffekt billiger 3D-Wackelbilderl das putzige Vektorgesicht einer Katze, welches sich mit zunehmender Schieflage in die Fratze einer außerirdischen Mieze verwandelt. Hach, treffender kann man einen Bandnamen nicht illustrieren, der Schriftzug MORT AUX VACHES unterhalb der ganzen Geschichte darf sich dabei einen ebensolchen Gaukeleffekt gefallen lassen.
Die Musik scheint sich dabei so gar nicht der mäandernden Form der Umverpackung zu verschreiben. Die unbetitelten Stücke klingen als hätten Tortoise im Studio ihren Sampler fallen gelassen, welcher nun im Hold-Modus einzelne Takes ihrer Stücke anhält und als Dauerloop in die Effektsektion des Studios feuert. Neben sanften Gitarrendrones, klingelnden Löffeln in Kaffeetassen sowie reichlich synthetisch wirkende Vogelstimmen bemerkt man nach kurzer Zeit einen ausgeprägten Hang der Akteure zum Improvisieren. Wes Kind das Material nun wirklich ist, verrät der zweite Titel. Es klingelt und scheppert, Bleche rutschen über den Boden, Synthesizerakkorde verlaufen im Nichts und wirken phantomhaft auf die zusammenlaufenden Kanäle am Mischpult, Becken und Hi-Hats werden ihrer Würde beraubt und in clowneske Klangabfolgen gepresst. Fast 30 Minuten konkretsymphonisch-synthetische Echoräusche bzw. aurale LSD-Klangtapeten.
Insgesamt ein reichlich psychedelisches Werk, welches sich in zahlreichen Stimmungsabfolgen wiederholt und neu entwickelt. Klarer Tipp des Monats.
5/5
INCITE/
»Mindpiercing« CD
Hands Productions
Bei Incite/ sitzt man zwischen den Stühlen. Minimalistische Arrangements mit Schwung und Auslauf sucht man vergebens, in knackigen Titeln geht es um die Dekonstruktion von Breakcore und tradierten Technobreaks und das mit viel Geschick. Man hat das Gefühl, man lauscht einer verkratzten Alec-Empire CD im Zeitraffer, die stotternde Dynamik durch einen kaputten Amp wiedergegeben.
Das Material ist erstaunlich interaktiv, ebenso wie die Livepräsenz des Hamburger Duos Incite/. Die der CD auf dem Datencarrier beigelegten Quicktime-Videos stellen den Link zu ihrer audiovisuellen Performance in traumhaften Graustufen dar. Ein Mehrgewinn ist das Wissen um ihr Auftreten sicherlich, umso spaßiger fällt dafür dann die Imagination von Bildern im Kopf zur wiedergegebenen CD aus.
Audiotechnisch produziert zwischen Noise und komprimierten Drumrolls bilden Incite/ einen stereoiden Breakcorealptraum ohne Härteallüren oder martialisches Klanggepose. Nötig haben die beiden es auch nicht: »Headroom« bratzt auch so ordentlich im Bassbereich, der Charme einer Industrialkulisse wird mittels gephaserte SlowMo-E-Gitarre gewahrt sowie zu den synkopisch-maschinengewehrhaften Beats im Vordergrund addiert, binaurale Effekte inklusive. Der wahre Headfuck ist dann jedoch titelgebendes »Mindpiercing«, ein wahres Biest aus amoklaufender Effektsektion, zerstörten Hardcorebeats und einer Langsamkeit, die das ganze noch ein wenig pervertierter und fieser erscheinen lässt. Hi-Tech-Tunes par Excellenz.
5/5
ESTHER VENROOY AND HELEEN VAN HAEGENBORGH
»Mock Interiors« CD, Limited Edition
Entr'acte
Das vielzitierte Piano wird hier für klangliche Experimente herangezogen. Es knistert, rauscht und blubbert, die DSP-Techniken von Esther Venrooy quetschen jeden noch so potentionellen Klick und Decaytone im Klavierkasten auf der Suche nach verwertbaren Restgeräuschen aus. »Feinstofflich« arbeitet sich an Klaviersaitendrones und Geräuschen ab, die streng nach zerknitterten PET-Flaschen klingen und sich kreuz und quer durch das Stereofeld fräsen.
»Blueprint« ist eine monochrome Rückwärtsfahrt durch rollende Klavierakkorde, vernetzt und vernebelt zu ominös dahineilenden Feedbackdrones. Esther Venrooy seziert die Klaviermusik von Heleen van Haegenborgh auf akribische Weise, ihre Schnitt- und Effektiertechnik besteht aus interferenzlastigen Cut-Ups, digitalen Schnittmengen zwischen ausbrechender Statik und genussvoll ausrollenden Tapeechos. Dabei lässt sie Haegenborgh viel Freiraum, bisweilen hat man das Gefühl vor dem geistigen Auge eine verschwommene Ansicht beider Künstler zu sehen, wie um sie herum der Raum stillsteht und die Klaviertaste sich in millimetergenauer Zeitlupe herunterbewegt um dann quälend langsam die Saite zum Klingen zu bringen. Das Klangwerk ächzt und balgt unter dem komprimierten Zeitkontinuum während Esther Venrooy mit beiden Händen in die von Klängen angefüllte Zimmerluft greift um daraus Schnitte für ihre Software zu extrahieren.
Wunderbare Musik für all jene, denen das Staunen über konkrete Musik noch nicht abhanden gekommen ist.
5/5
REVEREND BEAT-MAN AND THE CHURCH OF HERPES
»Your Favorite Position Is On Your Knees« CD
Voodoo Rhythm
Hereinspaziert, hereinspaziert ins brennende Schweizerland. Die Messe hat soeben begonnen und der ehrenwerte Reverend heißt sie herzlich willkommen. Choräle werden heute in den Orgelkasten verbannt und zu klanglichen Gespenstern im Hintergrund degradiert, während die Gemeinde den ganz eigenen und freizügigen Lobgesängen des Reverend lauscht, wie er mit rauschiger Rock’n’Roll-Stimme zum Angriff gegen das eingefahrene Choreinerlei der katholischen Kirche bläst.
Herpes Ö Deluxe und der Reverend verlagern dafür den Schwerpunkt auf stimmige Klangkonzepte, da darf es auch mal rasseln und schleifen im Kirchenschiff, der Messkelch darf als perkussives Element dienen und überhaupt schaffen die Reflexionen der trutzigen Kirchmauern in der Schweiz recht seltsame Klangformationen. Es summt und dröhnt und Reverend Beat-Man hat alle Hände und klanglichen Facetten seiner rauhgestimmten Kehle zu tun um alle in diesen Reigen miteinzubeziehen. Da darf der Rockappell nicht zu kurz kommen, wer nicht andächtig niederkniet habe doch bitte dafür zu sorgen, dass das Fußwippen nicht völlig aus dem Takt gerät.
Großartige kurzweilige CD, und ein wahrlicher Andachtspunkt am Sonntag, wenn man schon nicht den Weg in die Kirche findet.
5/5
JulyJul 14 Tuesday Tue 09
FOLD
»Savour The Butterflies«, SD Card
BineMusic
Digitale Musik scheint in der neuzeitlichen Musikverwertung immer mehr dem haptischen Tonträger zu entbehren und sich auf nicht-flüchtige Artefakte unserer computerisierter Welt zu beschränken: der Speicherkarte. Das Artwork gerät zum Icon in Briefmarkengröße, das Leporello zum Release findet sich als wenige MB großes PDF- da ist es fast schon ironisch, dass ausgerechnet die SD Karte als Medium herhalten muss.
»Finest Dust« bietet heruntergerechnete 8bit Beats mit leicht an COH erinnernden Drumrolls und tiefen Bässen zwischen den klickerigen Klangartefakten. Vom Aufbau her eher dem Breakbeat verortet erscheint »Finest Dust« eher wie eine Neuvertonung des Breaks in den späten Neunzigerjahren, während »Savour The Butterflies« den klassischen Gegenpart bietet: Klavierintroduktion, elegant verwirbelte Pattern, deren konstantes Wesen als Bett für die ausgefransten Klaviereinzeltöne dienen darf. Ich werde das Gefühl nicht los, das Fold sich hier an längst vergangene Musikgenres wagen und diese Aufgabe grandios meistern.
4,5/5
TEHO TEARDO
»Voyage Au Bout De La Nuit« 7“, Limited Edition
Japanapart
»Plans« startet wie eine Maschine, aus dem leicht angenoisten Dronechord des Anfangs schälen sich langsam Pizzicatostreicher und delaygeschwängerte Cellotöne. Vom Klang her an eher klassische Musik erinnernd, erschafft Teardo eine dichte Athmosphäre, die durch den Einsatz diverser Streich- und Zupfinstrumente dem Stil mancher musikalischer Hollywoodproduktionen gerecht wird. Die erste Hälfte von »Plans« grenzt sich dabei deutlich vom Rest aus, ein Break bricht das viel zu kurze Intermezzi der Instrumente abrupt ab, während eingangs schon vorgeführter Noisedrone den Ausweg aus dem Stück weist.
»Prix De Rome« ist ein nervöser Endtitel, durch Phasenverschiebungen generiert Teardo ein deutlich von der Avantgarde beeinflusstes Werk. Die Streicher werden teilweise geradezu manisch, die hohen Lautstärkedynamiken erinnern frappierend an die neuzeitlichen Vertonungen alter Stummfilme. Das dichte klangliche Gehölz welches Teardo wie einen Scheiterhaufen aufrichtet, wird getragen durch den dichten dronigen Unterton der B-Seite.
Eines der ungewöhnlichsten Veröffentlichungen die ich seit langem auf einer 7“ finden konnte.
5/5
GINTAS K
»Lovely Banalities« CD
Crónica
Feldaufnahmen heutzutage nach eigenem Gutdünken zu verarbeiten ist lange kein Kunstgriff mehr, umso erstaunlicher mutet da Gintas K’s Titel von »lieblichen Banalitäten« an. Schätzt der eigenen Künstler seine Musik so gering ein, oder verweist der Name des Albums eher auf das vielbeachtete Verarbeiten diffuser Außengeräusche hin? Banal ist die Musik sicher nicht, dazu steckt zuviel Dynamik und Differenz in den Aufnahmen.
Während der Anfang recht lärmig beginnt, wird ab Stück 3 eher klar, wohin es gehen soll. Teilweise an Marc Behrens reduzierte Musik erinnernd, wird kein klanglicher Kniff ausgelassen, dem zugrundegelegten Material die nötige Bearbeitung zukommen zu lassen und sich dabei auch durchaus aus der üppigen Kiste zeitgenössischer experimenteller Ausdrucksformen zu bedienen. Kurgefasste Delays und Feedbacks bilden die sonore Unterlage mancher der 14 kurzweiligen Titel. Chords werden hinweggerafft und neu zusammngesetzt, Noiseinfluenzierte Versatzstücke werden durch digitale Berarbeitung zu verschmierten und klitterigen Klangmauern. Teilweise schwingt ein gewisser reduzierter Gestus mit, der sich auch in der Auswahl der klanglichen Bearbeitungsmöglichkeiten erschöpft. »Lovely Banalities« als Stück Nummer 10 wirkt da wie ein schöner Moment, der alles andere als banal wirkt- weil das Album sich einfach selber nicht zu ernst und wichtig nimmt.
5/5
TARAB
»Take All The Ships From The Harbour, And Sail Them Straight Into Hell«
23five
Es gibt tatsächlich noch Musiker, die an der Klangerzeugung längst vergangener Tage festhalten. Nachdem NANA APRIL JUN bereits vorher kläglich an seiner Hommage an Köner’sches Droneschleifen gescheitert ist, wirkt Tarabs Werk wie ein Menetekel für all jene nachfolgenden Musikprojekte, die sich an klassische Künstlerstrukturen wagen wollen.
Dennoch, allen Unkenrufen zum Trotz wirkt die CD mit dem bildhaften Titel keineswegs wie ein stilistischer Abklatsch. Teilweise wirkt es so, als habe Tarab den Backkatalog von Fatcat’s 12“ Splitserie im Kopf gehabt, so divers, so vielseitig präsentiert er das Material in all seiner Naturhaftigkeit. Feldaufnahmen geraten zu düsteren Wäldern, Tarabs Klangkunst forciert geradezu einen Status zwischen Noise und natürlichen Tiefenanteilen. Ähnlich wie Nurse With Wound zelebriert das knapp einstündige Werk Brüche und Abspaltungen, zwischen Feedback und knispeliger Wald- und Wiesenaura finden sich ebbende und driftende Klangcluster, deren ausgehöhltes Klangmysterium Lust auf mehr macht. Eine sehr lebendige CD, die dazu auch noch schön gestaltet mit poetischen Beigabetexten einen sehr wertigen Eindruck macht und sich nicht unter den zeitgenössischen Scheffel stellen muss. Chapeau.
5/5
ANDO
»Habitat«
BineMusic
Taylor Deupree auf weniger klickerigen Pfaden, dafür mit umso mehr Dub unter der digitalen Workstation. Was anfangs wie ein Update von Pole’s alten Minimaldubgeschichten klingt, wird nach wenigen Minuten zu einer geradezu reduzierten Technoextase, zwischen Ravealltag und bruchstückhafter Listeningphase.
Der geräuschhafte Zug der Stücke (teilweise wirken die perkussiven Elemente wie aus der Natur herausgelöste Holzklöppelaufnahmen) zeigt allerdings, das dieses synthetisierte Werk keineswegs regulär neuartig daherkommt, sondern seine Wurzeln im digitalen 12k-Leben verortet. Zwischen irrwitzig ausgephaserten Delayfahnen und reichhaltiger Rhythmustalfahrt wirkt »Habitat« so angenehm unorthodox, geradezu losgelöst vom üblichen Akademikerhintergrund das man sich fragen muss, wieso man erst so lange auf dieses Werk warten musste.
Bemerkenswert wirkt da schon fast der Ansatz des zweiten Stückes auf der CD. Es schwingt und dubbt im Untergrund auf so reichhaltige Art, dass die tiefen Frequenzgänge wie aurale Streicheleinheiten wirken. Vielleicht sollte Johannes Heil sich damit mal befassen und zu dem zurückkehren, was er vor Jahren meisterlich beherrscht hat. Ein Werk mit wahrer Vorbildfunktion zwischen Digitaldrift, Analogvibe und einer Konkretness, die man getrost als essentiell einschätzen darf.
5/5
ASMUS TIETCHENS
»In die Nacht«
Die Stadt
Ein Zug fährt in die Nacht und Asmus Tietchens zieht die lebenden Regler dazu. Die Bildhaftigkeit dieses moogbasierten Werkes zielt auf den Unterhaltungswert von Pop wie kein anderer. Experimenteller und eingängiger als manches andere Werk auf Sky ist dieses eine CD die tatsächlich so etwas wie kuriose Einfälle bietet. Asmus gibt hier seinem Pseudo-Pop eine gehörige Schippe endzeitlicher Furore, so in etwa, als würde er die angetrockneten Blüten des Mainstreamformats neu mit Wasser benetzen.
Der Hematic Sunsets Humor Faktor ist indessen recht hoch, die Stücke wirken wie aus einem Guß und wäre nicht das unsägliche dramatische Movement der versammelten Titel wäre diese CD wohl dennoch reichlich leblos. Egal, Asmus Tietchens zieht sein Register aus der überaus schwärzlichen Einstellung seiner industriellen Populärmusik und das ist auch gut so. So kennt man ihn nun mal.
4/5
OVRO
»Horizontal/Vertikal« 7“, Limited Edition
Drone Records
In letzter Zeit geraten die Dronesingles zu immer bemerkenswerteren Einzelwahrnehmungen aus der Masse an Veröffentlichungen im monoton-repetitiven Klangraumfeld. Ovro liefern eine gute Balance, die A-Seite dreht sich im dezent schlingernden Gitarrenrückwärtskorso, während der Untergrund der Komposition sich in dicken, schlierig-fetten grauen Bassdrones ergeht, deren dezentes Schleif-und Wechsel-Dich-Spiel den Grundstein für eine Tortoise’esque Minimalkomposition legt.
Die B-Seite greift dabei scheinbar auf das umseitige Klanggerüst zurück (eine Form des Remixes?), addiert verzerrte Einzelmomente aus den Untiefen schlecht gestimmter Bassgitarrensaiten und beweist zaghaftes Feldrekorderambiente durch den Einsatz equalizerter Konkretereignisse im Stereofeld der Vinylrille. Ein wenig zu dezent, dafür umso mehr lo-fi, was uns auch mal wieder freut, denn Audio muss nicht immer hochglänzend daherkommen.
Apropos hochglänzend: selten ein so fein auf den Klang abgestimmtes Cover gesehen. Denn dieses ist mindestens genauso freigeistig reduktiv wie der Klang der weißen Single darin.
KEIN ZWEITER
»Muskeln und Kraft = Überlegenheit« LP
90% Wasser
Das schwarzweiße, leicht griesige Cover der Platte strahlt eine gewissenermaßen homoerotische Aura aus, die Rückseite mit betont lässig aufgeknöpfter Jacke und Muskelshirt hingegen versprüht typischen Bauarbeitersex mit gleichzeitiger Hedonismattitüde.
Kein Zweiter schafft den Spagat zwischen Elektronik a la DAF und dem Acid einer gewissermaßen etwas geschraubt wirkenden Technopostphase- was unter dem Aspekt der Lyriks zustande kommt, ist ein anderes Blatt.
Angenehm beständig zeigt sich die LP, der Klang variiert ausreichend zwischen Soft Industrial und einer Attitüde, die ihren Ursprung sicher auch in der NDW sucht. »87.000 Kastraten« zeigt dabei als Zwischenstück beispielsweise Betrachtungen am Pissoir inklusive männlicher Machopose (Rülpsen und Speichelspeien inklusive) ehe ein schwerwiegender Rhythmus diese etwas zu intime und nahe Szene aufbricht- es heißt aufatmen.
Umseitig erwartet den Hörer die umso ruhigere Projektseite, eingehüllt in verzerrte Schwaden samtiger Klangfarben. Die Stücke werden länger, ausformulierter und weichen hier besonders von der A-seitigen Formula ab.
Inwiefern Kein Zweiter tatsächlich einen gewissen Homostatus pflegt (einige Schlüsselwörter der Texte lassen eine solche Betrachtung durchaus zu) sei dahingestellt, jedenfalls ist das die ideale Darkroomuntermalung für stiefelschnürende Machohengste und gestählte Männerkörper, denen der Schweiß vom Lederanzug tropft. Der süffisant auf experimental getrimmte Klang mag da die Diversität dieser Platte noch zusätzlich erweitern, das Cover tut es mittels visueller Umsetzung bereits. Ein Blick auf angezogene Bizepsbeulen unter glatter Haut, eine dekorative Außenumhüllung für durchaus angenehme, wenngleich testosteron-strotzende Musiken.
5/5
JuneJun 17 Wednesday Wed 09
CONSOLE
»Pan Or Ama« CD
»Mono« CD
Disko B
Eine Neueinspielung und ein Re-Release kennzeichnen das Console-Konvolut des Disko B Labels in München. Jahre sind vergangen, an Roedelius, Cluster und Neu! kommen nur all jene vorbei, die mit dem kosmischen Klang längst vergangener Vinyl-Epigonen aufgewachsen sind. Console belebt Krautrock um dezente moderne und geradezu frische Einschläge, es weicht die Angst vor Bartok’scher Stakkatorhythmik angestaubter Drumemulatoren, es schwingt die Konkretness mancher Roedelius’scher Produktion mit und wahrscheinlich hatte Herr Gretschmann noch zum Entstehungszeitpunkt den Maschinenparkschaltplan von Michael Fakesch in seinen Unterlagen gefunden.
House, Ambient und eine Portion leicht minimaler Trockenrhythmik kennzeichen »Pan Or Ama«, es knistert in den Spannungsbögen während Gretschmann den Funk wie einen Haarscheitel sanft zurückstreicht und auf die Basis von Drum, Bass und Fläche reduziert. Das hinter »Pan Or Ama« einige Jährchen zyklischen Vergessen und Vergrabens liegen, macht dieses Labeljuwel erst recht wieder für die Nachwelt interessant.
»Mono« geht in eine andere Richtung, Filmmusik darf es diesmal sein, manchmal stellenweise wie für einen Film Noir, im nächsten Augenblick beutelt Console den Moment sich vereinigender Lippen und Tränen im Regen, bis es sanft auf der Gitarre zupft und ein nicht einzuberechnender Moment tiefer Andacht über allem liegt. Brian Eno und Sonic Youth wird hier heroisch gefrönt, der Wiedererkennungswert der Herren Eno und Moore wird hier auf Einzelschwingungen im GesamtpopAPPARAT reduziert, während der Rest sich in zeitloser Mäanderform über uns Hörer ergießt. Besonders anspielwert zeigt sich »Foster Kane«, zugrundegelegt durch die vom Verfasser vermutete Vertonung eines einsamen Spaziergangs durch verregnete Gassen, aural umgesetzt via Gitarrensprengseln und sanften Feedbackformationen inmitten der langsam dahingleitenden Loops oder aber »Magnolia«, eine frappierend an ein Björkarrangement erinnerndes Popwerk, welches mittels extensivster Streichermondänität glänzt und eine ganz hervorragend eingesungene Pointe beeinhaltet.
»Pan Or Ama« ist im übrigen uneingeschränkt zu empfehlen, und sei es wegen der unbetitelten Titelnummer 7. Ganz großartiges Werk eines viel zu selten releasenden Künstlers.
»Pan Or Ama« # 5/5
»Mono« # 4,5/5
ASMUS TIETCHENS
»Eine Menge Papier« CD, Limited Edition
aufabwegen
Asmus Pre-Mengenserien und somit alles vor der sonischen Auseinandersetzung mit Sinus und Rauschen birgt noch wesentlich feinere Schätze als man denken mag- beachtet man Tietchens Output an Material in den letzten zwanzig Jahren und lässt man sich davon nicht abschrecken, entgehen einem Dinge wie »Papier ist geduldig« oder »6.9.98 7 Uhr/8 Uhr« nicht.
Ersterem gewährt aufabwegen in sehr hochwertiger und edler Manier einen Publikumsneuzugang (der angesichts der damals sehr niedrig gehaltenen Limitierung auch geraten erscheint) und erweitert das recht kurzweilige Material der original Syntactic 7“ um eine weitere, nie veröffentlichte Single sowie Material aus den Sitzungen, die es nicht auf das Vinylformat geschafft hatten.
Der Klang ist erstaunlich für die 1996 umgesetzte 7“, hier zieht vor allem Tietchens’ großartiger Umgang mit dem Quellmaterial sämtliche Register avantgardistischen Könnens. Wie unschwer zu erkennen bzw. auch zu hören, beruht das Material dabei auf Papiergeräuschen, eine Serie die Asmus aufgrund des limitierten Frequenzganges des Materials und seiner beschränkten Weiterverarbeitung jedoch frühzeitig wieder beendete. Teilweise sehr krachig mit deutlichen Anleihen an Asmus Tietchens Achtziger-Konkretindustrial: »P.I.G. 5« mit seinen betont sinusoiden Einzelklängen gerät zur fast schon skizzenhaften Abstraktion von Papierklang, hingegen betont »P.I.G 4« auf recht kurze Weise die Schönheit von Tietchens Bearbeitungsmanie, kennzeichnet sich das Stück doch durch recht scharfgeschnittene und –gefilterte Einzelereignisse ehemaliger Schriftstückverformungen.
Letztes Stück bietet dem Hörer eine wunderbar noisige Vertonung all dessem, was Tietchens an Papier in seinem Studio wahrscheinlich aufbieten und –gespannt lauschend und schelmisch lächelnd- auch zerknüllen konnte.
5/5
PTU
»Hard Week«
Laton
Hmm, zugegeben, an maschinellem Einfallsreichtum mangelt es hier nicht, allerdings wirkt das gesamte Release geradezu so, als hätte man Daft Punk ein stilistisch nicht ganz annähernd klangverwandtes Denkmal setzen wollen.
So ganz arg houselastig geht es hier nicht zu Werke, die Klänge vermischen sich stets zu annähernd avantgardesken Minimalexkursen, nur reicht die bei weiten zu krass ausgereizte Spielweise der Repetition nicht für einen unbeschwerten Hörgenuß.
Die guten Ideen wirken ein wenig bewegungslos in dieser Masse von Electroloops und kurioser Technoverzärtelung, da bleibt wenig wenig über, was tatsächlich fesseln könnte.
Definitiv eines der Releases welches Laton nicht unbedingt gerecht wird und etwas enttäuscht zurücklässt.
2/5
KK NULL/ JOHN WIESE
»Mondo Paradoxa« CD
aufabwegen
Das was John Wiese und KK Null hier in zweijährigem Mailaustausch mischen und zusammenbringen wird dem Terminus Noise annähernd gerecht, wären da nicht die teilweise stilistisch herausragenden LoFi-Elemente, deren genügsam ausgebreitetes Klangspektrum den 54 Minuten eher wie eine lockere Masse untergemischt und –gehoben wird.
Orgasmisch angelegte Feedbackeruptionen und Phasermodulationen des Quellmaterials (deren Herkunft in ihrer Fransigkeit nicht mehr erkennbar ist) verzerren ein wenig das ruhigere LoFi-Spiel, allerdings spielen beide Musikparteien sehr gleichberechtigt. »5:25« ist eines der besten Beispiele: Über einen feedbackgeschwängerten Hallbogen kreisen zwei ausgelotete, sich aufeinander abwiegende Sinustöne, deren Clippingphasen eine gewisse Philus-Affinität nicht abschütteln können. »6:22« wirkt anfangs wie die von weiter Ferne aufgenommene und wiederholt abgespielte Aufnahme einer großen Stadt, umringt von geradezu Tietchenesquen Drones, deren kristalline Klangneutralität einen großartigen Gegenpunkt zum schwirrenden Noiseteppich im Hintergrund setzt. Beautiful noise…
4/5
AFANASSI VIEBEG
»Karawanenmusik V« CD
Moloko+
Afanassi Viebeg gehört zum Umfeld des Column One Dunstkreises, in dessen nebelverhangener Atmosphäre sich so manch eigentümlicher Künstler versteckt hält.
Viebegs Solo versammelt zahlreiche Auftragsarbeiten, deren Inhalt sich teilweise als Radiospiel offenbart, andere wirken in ihrer üppigen Klangillustrierung recht eigenständig. Der gefürchtete Muslimgauzeeffekt tritt nicht zutage, wenngleich das Überthema das Morgenland darstellt, welches Viebegs Maschinen und Sampler hier besingen.
Leider fallen die meisten der hier versammelten Titel zu ernst aus, zu durchformuliert und wirken wie schnöde Höradaptationen der eigentlich vorgesehenen Zwecke. Obwohl Viebeg erstaunlich reichhaltige Materialien verwendet, um daraus seine bisweilen zen-ähnlichen Klangkompositionen zu erstellen haftet allem ein gewisser akademischer Überbau an, den das erste Durchhören nicht recht abzuschütteln vermag. Der letzte Titel der CD zeigt dabei den Ausweg aus dieser Situation: einem wiederholten Gongschlag wird mittels Acid zu Leibe gerückt, das fanale Wiegenlied der Wüstensöhne vermag sich da noch etwas humorvoller herauszuschälen als der Rest.
3/5
PATRICK PULSINGER
»Dogmatic Sequences - The Series 1994-2006« CD
Disko B
Hmm, Flashback trifft es hier genau. Flashback das bedeutet zurückzusehen auf Vergangenes, verdrängtes oder (un)zeitgemäßes, als die Welt noch ihrer zum jeweiligen Betrachtungszeitpunkt eigenen Gesetzmäßigkeit folgte.
Patrick Pulsinger verbindet Gewohnheit mit Moderne, Rares mit Gewöhnlichem und eine Menge dazwischen. Future Jazz nannte es bereits Alec Empire und Patrick Pulsinger übersetzt ihn neu, quasi als Neuübersetzer einer etwas unzeitgemäßen Musikrichtung, die als Absplitterung vom Elektronikakosmos ihre eigene Berechtigung fand.
»Agom Drag« klingt wie Warehouse auf 2.0, »Numb Thrust« bietet neben schraddeligen Gitarren (gespielt von Phillip Quehenberger!) komatöses 4/4 Gestampfe neben allerlei Highend-Effekten. Acid ist hier die treibende Kraft, wer hinter die minimale Fassade schauen will, muss allerdings etwas tiefer graben. »Dogmatic Sequences - The Series 1994-2006« ist, wie der Titel suggeriert, eine Kompilation welche man durchaus von hinten aufgezäumt ansehen darf- das Alte vorne an, das Neue hintenan.
»City Lights (Part 1)« klingt wie Squarepusher zu besten »Budakhan Mindphone«-Zeiten. Highend-Jazz inklusive Rückwärtsschleifen. »LOOQ« updated Villalobos auf dem Mindlevel und bietet extraordinäres Beatgeshuffel inmitten fluffiger Dronechords.
Fazit: Essentiell für jeden, der mit elektronischer Musik zu tun hat. Konsequenter Weg und sicherlich federführende Inspiration manch eines Minimalakustikers.
GRMMSK
»Punk On Kuollut« 3“CDR
Totes Format
––– MONATSEMPFEHLUNG DER REDAKTION –––
Der literarische Cut-Up. Was will er einläuten? Den Schnitt, den Bruch im linearen Wechselspiel von These und Antithese? Grmmsk beleuchtet jenen Schnitt auf auralem Terrain, sozusagen neutral ab vom schriftlichen Teil der Cut-Up Definition. Cut. Bruchhaftigkeiten in sich selbst werden aufgedeckt. Ja, genau, I don’t understand. Verstehen übt sich in der Aneinanderreihung phasergeleiteter Fehlerbeats. Banaler Gitarrenmusik. Muzak. Fernem Krauten unter schwarzweissen Himmelsfärbungen. Marschmusik durch mindestens drei Dekaden abwegiger Klanggeschwätzigkeit. Bruch. Erneut führt die Cut-Up Definition das ganze ad absurdum. Zwischen zahlreichen Spezialeffekten führt »Punk On Kuollut« ein eigenwilliges, von Ebenen geprägtes Eigenleben. Und plötzlich steht man wieder am Anfang. I don’t understand. Alles geht kaputt. Oder auch nicht. Manchmal ist es nur ein kleiner Schritt ungeordnetes wieder auf die Reihe zu bekommen. Aber das hängt von der eigenen Einstellung ab. Irgendwo unter der tintenschwarzen Patina des Covers hat der Künstler eben sein eigenes kleines Universum der Bruchhaftigkeit abgebildet.
5/5
MICHAEL NORTHAM
»Suhina« 10“, Limited Edition
Substantia Innominata
Das Thema der Platte hätte auch von der K Foundation stammen können. Michael Northam vertont hier den Wind zwischen den Bäumen, auf finnisch suhina genannt. Was sich als schöngeistiges Ambientexperiment versteigen möchte, ist in der Endsumme erstaunlich unesotherisch geworden. Northam zieht alle Register seines musikalischen Könnens und scheint zu den wenigen zu gehören , die eine Komposition über den Zeitraum mehrerer Jahre gedeihen lassen können ohne der Verlegenheit zu verfallen, nach wenigen Wochen den Abschluss herbeizuzerren.
Beide Vinylseiten wirken dabei sehr transluzent und klar abgegrenzt. Bisweilen hat man das Gefühl, die leisen Zwischentöne der Feedbacks und trudelnden Dronecluster reichern sich mit dem Knistern des Vinyls an, so fragil erscheinen die Zwischenbrücken der jeweiligen Komposition. Wie GAS ohne Beats, wohl aber um das 10fache am Pitchregler hochgeschraubt und mit einer majestätischen Würde, die man sonst nur in den leiseren Backgroundklangarien der frühen Tortoise und ihren »Millions Now…« wieder findet. Orgelähnliche Töne wechseln in malströmartigen Verschiebungen ihren Standort und verwischen auf diese Art und Weise Gefühl für Zeit und Raum, bilden auf diese Art und Weise den Soundtrack für den einsamen Spaziergänger im Wald ohne ein Klischee zu bedienen.
Das Northam sein Stück im Sommer für das Vinyl editierte kommt auch tiefenpsychologisch dem Material zugute. Selten hat eine so ausufernde Komposition eine so hohe Ereignisdichte aufgewiesen, ohne dabei zum Sturm zu mutieren. Auf diese Weise hört man den Wind weniger im Gebälk, dafür mehr im Gemüt.
4,5/5
BENJAMIN BRUNN
»77« 12“
BineMusic
A-seitig abgefeuertes Minimalambiente mit dezenter Chordbeschallung macht die Aufwartung und gerät nach wenigen Sekunden Laufrillenbewältigung in jene Rhythmik, die sich oberhalb der Wahrnehmungsgrenze recht arhythmisch verschiebt, aber mit jedem Patternwechsel dem Hörer die Möglichkeit gibt, das Loopszenario vor seinen Ohren neu zu untersuchen. Modular Dub auf Höchststufe mit einem leichtem Schwung avantgardesker Taktverschiebung.
Umseitiges Werkstück unter Zuhilfenahme von Material der obskur anmutenden Gruppe »Schnell Nachts Noch Fisch« ist dann allerdings doch ein Weg in die andere Richtung. Jazzige Gefilden werden hier betreten und wenn der Takt sich auch noch so verführerisch in die Ohren der Nachtclubbesucher schmiegt, gegen die so unglaublich kurztastig betätigte Orgel im Mittelteil kommt selbige nicht an. Der Bass furzt, der Acid stöhnt und letztlich landen alle zum Kaffee wieder im Chez Paris. Könnte von Ludovic Navarre sein, wenn er denn mal richtig einen im Tee hätte.
5/5
TAM QUAM TABULA RASA
»Cotidie Morimur« 7“, Limited Edition
Drone Records
Auf 45rpm gerade siechender Spielmannszugabstraktion, auf 33rpm eine Mischung aus ovalesker Lockedgroovemontage und geradezu schläfrig-suggestiver Langsamkeit inmitten der parallel ablaufenden Klangereignisse. Charmant ist das sanft industrielle Outfit der Titel, besonders die geradezu mantrische B-Seite mit dem elegischen Namen »Ataxía« spiegelt einen geradezu einfühlsam ablaufenden Klangprozess wieder, in dessen Cage’scher Maschinenwiederholung so etwas wie ein chakrisches Bewusstsein für Klänge widerhallt. Die A-Seite hingegen pervertiert Organums Chaoskompositionen via sanfter Repetition und nahtloser Aneinanderreihung industrieller Klänge sowie abgenudelter Softjazzplatten im ausgewaschenen Hintergrund. Nicht gerade was für den Weihrauchgarten, aber definitiv etwas zum Staunen.
5/5
MayMay 12 Tuesday Tue 09
VA
»Lasting« K7
Pineapple Tapes
Mit »Lasting« kreiert das Unterdepartment Pineapple Tapes des amerikanischen Labels Swill Radio sein letztes Publikationswerk, verantwortlich ist die nächstdrohende Verknappung von Chromkassetten im amerikanischen Raum und der Mangel an Fertigungsfirmen für gewöhnliche Audiokassetten.
Sehr schade, denn diese internationale Kompilation von diversen Materialien ist letztlich ein schönes, kubisch zusammengewürfeltes Werk elektronischer und abstrakter Musik. Sei es dem Umstand geschuldet, hier noch einmal sämtliche Register zu ziehen, ehe die Grundlagenknappheit das Label außer Gefecht setzt oder aber wirklich reiner Veröffentlichungswille dahintersteckt- alles klingt hier als spiele jeder der Künstler ein kleines Requiem für das Veröffentlichungsformat.
Emerald spielen auf »Lasting« roedeligen japanischen Spacekrautrock, Labeleigner Scott Foust selbst spielt hier in einigen Titeln den experimentalfreudigen Beelzebub, der mittels Langstreckenpiano und kitschig verklärter Naturgeräuschkulisse leicht angestaubtes Konkretmusikflair versprüht.
Überhaupt finden sich Klavierklänge hier zuhauf, sei es als chromatischer Kompositionsweg (Karla Borecky »Structure«) oder ausweglose Pianoarie (Idea Fire Company’s »The Sinking Ship«). Frans De Waard und Asmus Tietchens bilden hier das eher strengere Klientel, Frans De Waards rauschige Feldaufnahme plus minimaler Digitalprozessierung bildet die eine Seite, Tietchens Werktitel klingt als hätte er versucht, Minimaltechno zu produzieren. Sehr schräg.
Idea Fire Company’s »The Sinking Ship« bildet übrigens den B-seitigen Abschluss. Sehr klagend wird das Klavier eingesetzt, die Geräusche zerren am Ausschwung der Klaviersaiten. Die Ratten verlassen das sinkende Schiff. Schade.
5/5
ANDRES LÕO
»Skeletons On Rock« CD
Laton
––– MONATSEMPFEHLUNG DER REDAKTION –––
Wavelabrock, Audacityindustrial, Soundforgedub- »Skeletons On Rock« ist insofern unkonventionell, das dass Album nicht auf herkömmlichem Wege im Studio mehrspurig entstand, sondern in einem Waveeditor aneinandergeschnitten wurde. »Syncopated and cut in perfect order« steht auf dem CD-Rücken, gesäumt vom gewohnt chiquen Artwork des Hauses Laton und bei Gott, perfekt ist dieses Album tatsächlich. Eine solch lebendige Schnittästhetik hätte ich angesichts des Produktionsansatzes nicht erwartet.
Synkopische Schlagzeuge klingen wie lebendig gewordene Maschinen, bratziges Industrialgewitter von Franz Pomassl (der einen Teil der Albentitel überarbeitet hat) wird in waveeditierte 3/16 Takteinheiten gepresst und teilweise handbremsenartig angezogen oder durch sämtliche ungeraden Taktbemessungen geschleift. »Mondaynity« bietet aber auch sensibel geschnittenes Collaging, eine Symbiose aus Rauschen und einer Stimme, die in einem Badezimmer aufgenommen zu sein scheint und dabei so unnahber fern und entrückt klingt, dass es einem die Nackenhaare aufstellen möchte.
Das faszinierende ist der ungewöhnliche Klang des Albums- es rockt und mosht als wäre es konventionell eingespielt werden, nur stellenweise offenbart sich der klitterige Sound des Editings. Seien es die streng stufenartigen Pitcheffekte oder die kurzzeitig angehaltenen Klänge, die ein digitales Eigengeräusch bergen. Dieses Album lebt vom exzessiv gehaltenen Schnitt. Und damit cut. Wer nun meint, ein Schnittprogramm und ein Produzent allein würde unweigerlich zu einem solchen Album führen, wird nach dem Hören eines Besseren belehrt. Eine Empfehlung für dieses Album schien uns mehr als angeraten.
5/5
RLW
»Contours Imaginaires« 10“, Limited Edition
Substantia Innominata
Ralf Wehowsky, Exmastermind hinter P16.D4 legt auf Substantia Innominata ein Beispiel zeitloser Bruchhaftigkeit vor, generiert aus einem (Fast-)hauch von Nichts. Wenige Sekunden Piano und Stimme gereichen zu nahezu 21 Minuten Musik, gepresst auf transzendentes braunmamoriertes Vinyl.
Das RLW sich modernster Techniken zur Dekonstruktion bedient, erscheint angesichts des dröhnig-frequenzlastigen Einstiegs klar. »Ombre D’Erosion« beginnt schwebend leicht, ehe ein etwas angeschlagen wirkendes Piano erklingt sowie ein pfeifender Ton, einer Wasserpfeife nicht unähnlich, das dezente Szenario betritt. Imaginäre Konturen scheint es tatsöchlich zu geben, unter der schleifigen und mit allerlei hochgefilterten Geräuschen bevölkerten Vinyloberfläche wimmelt es teilweise nur so von sehr leisen Einsprengseln kleinerer Klangereignisse, Geisterschwingungen, Phantomfrequenzen oder einfach nur imaginären Tonkanten.
Die B-Seite bietet gleich zwei Stücke, »Cellule Imaginaire« und »Erosion De L’Imaginaire«. Ersteres mit stochastischen Pitchklängen, untermalt von der Imagination ferner Autorennstrecken, angeordnet auf Shepard-Skalen, umwirrt und umgarnt von digitalen Schnattergeräuschen und einem geisterhaft verzerrten Klavier.
»Erosion De L’Imaginaire« ist einem fließenden Übergang unterworfen und bietet Stimmen, die seltsam sägend in der Luft zu schweben scheinen, nicht unähnlich dem extrem gestreckten Klang einer singenden Klavierseite. Auch das Szenario spielt sich langsam faserig aus, ein kurzer Grundton, kurzes Erwachen und das Bewusstsein, den Tonarm wieder abzunehmen.
4,5/5
HUGHES/SCHERZBERG/WIESE
»Discard Hidden Layers?« CD, Limited Edition
Schraum
Splittrig geht’s hier zu, geradezu gekonnt zerstörerisch, den Mundwinkel stets zu einem triumphalen Grinsen verzogen. Das hamburgisch-berlinerische Improvisationstrio legt hier, eingespielt von Gilles Aubry- Material vor, welches wohl kaum zerrissener im Stereokanal flattern könnte.
Nicolas Wiese, Lars Scherzberg und John Hughes spielen hier Computer, Saxophon und Kontrabass und klingen erstaunlich homogen, trotz der ruckartig verschobenen Musikrealitäten zwischen den avantgardistisch verzerrten Taktmaßen. Die in Orchesterqualität eingespielten Stücke des Trios zeugen von der rauen Urform des Jazz, von teilweise bis in die letzte Transposition der Klänge durchkomponierte Improvisationsformen und zeitgenössischer Destruktivität via Sampler und Software. Das Endergebnis ist dabei unter der Bank weg einer hohen Qualität unterworfen und nie musikegoistischer Selbstzweck, sondern steter Wechsel zwischen den Begebenheiten des schnarrenden Hier und dem digital verzwirbeltem Jetzt.
Das ganze klingt dann letztlich streckenweise wie eine Jazzplatte hochgerechnet auf 160 BPM mit denen P16.D4 transformatorisches Frisbee spielen. Klanglich bietet »Discard Hidden Layers?« eine Menge, angefangen von stillen Passagen, in denen jegliches Instrumentarium den mechanischen Atem angehalten hat bis hin zu krachigen Verrückungen auf die Can wohl neidisch herabblicken würden.
Nicolas Wiese spielt zwischen den Aufnahmen eigene computergestützte Arrangements und Miniaturen ein, deren bewegtes digital fermentiertes Elementespiel eine willkommene Abwechslung zum ernsteren Spiel des Trios darstellt.
5/5
ETHAN ROSE
»Oaks« CD
Baskaru
Eine Wurlitzer Theaterorgel aus dem Jahre 1926 diente als ausschließliches Grundmaterial in allen auf der Orgel abrufbaren Variationen. »Rising Waters« und der Titel »The Floor Released« sind dabei leider die einzigen wirklich herausstechenden Titel mit ihrer leicht mäandernden Tonform die wie eine etwas verspielte und entwirrte Variante von Nobukazu Takemuras Abstraktjazz klingt und neben sehr schönen Kurzweilmelodien auch effizientes Mikroediting bietet. Der Tonfall der CD ist dabei durchaus angenehm, ergeht die kurzweilige CD sich in teilweise raschelnde Digitaldekonstruktionen und leisen Hintergrundschwingungen a la Steve Roden. Der Rest schlägt sich mir aber zu sehr in Eno-esque Ambientstimmung durch, die leider dem Quellmaterial nicht wirklich gerecht wird. Mir ein bisschen zu viel Shoegazering, der hier mal gar nicht passen möchte und überdies ein zu verkitschter Ansatz in der Ausführung. Vielleicht sollten Ethan Rose das ganze Album mal an M83 schicken.
2/5
SYMBIOSIS ORCHESTRA
»Live Journeys« CD
Baskaru
Ein kurzes Stutzen, aber tatsächlich, es steht Robin Rimbaud auf der Hülle. Scanner ist einer von vielen Musikern um das Kollektiv Symbiosis Orchestra.
»Live Journeys« beginnt wie ein Klassikorchester mit Violine und einer Chorsängerin, Vibraphon und Gitarre und bietet den Charme einer etwas zerfaserten Filmmusik mit fernöstlichem Einschlag in der Art der Gitarrenspielweise. Das ganze macht sich über die zeitliche Dauer sehr schön, der Klang gerät mehr und mehr zu fordernden Mutationsklassik, immer wieder aufgebrochen von noisiger Statik und granularer Pulverisierungsmechanik.
Das Album zeigt deutliche Anleihen eines Orchesters, gehievt auf neuzeitliche 2.0, denn das Orchester bedient sich neben den klassischen Ingredienzen wie Violine und Gesang auch zeitgenössischer Softwaretechniken.
Damit wären wir auch beim Thema: einzig der nervöse und deutlich Dada-beeinflusste Gesang von Iris Garrelfs macht es teilweise etwas schwer, der Musik etwas beruhigendes abzugewinnen. Wenngleich ihre Stimme in transferistisch-manipulierter Manier nie ein Gefühl der Beliebigkeit erzielt, klebt sie bisweilen zu dicht an den fragilen Improjazz-Arrangements der Musikerkollegen. Neben der Klassik bietet das Orchester auch rhythmusbasiertes Material in zahlloser Form, sei es als autechrelastige Patternsequenz oder zuluinfiltriertes Ritualgetrommel.
Dass das Orchester multimedial auch Bilder einbindet wäre fairerweise noch zu erwähnen. Ein kurzer Einblick bietet das CD Cover mit seiner rasternotonaffinen Bildstruktur, allerdings fehlen diese im Endprodukt gänzlich. Vielleicht wäre eine DVD hier das bessere Maß der Dinge gewesen.
3,5/5
NOISE-MAKER’S FIFES
»Zona Incerta« 10“, Limited Edition
Substantia Innominata
Ähnlich einer Kette von Plunderphonictrickserei und schamanistischem Tranceinschlag bereiten NMF auf der 10“ sorgfältig zwei Stücke naturalem Ambientes und Feldaufnahme vor dem Hörer aus. Beide Seiten beginnen relativ leise und zögernd, ehe eine Mischung aus synthetischer Grundbetonung und relativ uneffektierter Klangmaterie auf dem Stereofeld erscheint.
Die A-Seite geht dabei stärker in die dunklere Seite des Releases ein, vereinigen sich hier Synthesizerspuren und dekonstruierte Feldaufnahmen zu einer Klangmasse, die den Hörer unerwartet einlullt und dabei ein Gefühl erzeugt, den einzig wahren State Of Trance zu erreichen. Der Klang wirkt weder schwer noch betont Räucherstäbchenambiente-betont, sondern wirkt wie eine intelligente Schnittmenge aus Felddokumentation und improvisatorischer Klangkaskade.
Die ganzseitige B-Seite (tatsächlich finden sich auf der 10“ zwei lange Stücke) erzeugt ein ähnliches Szenario, allerdings tritt die vormals vornehm zurückgehaltene Effektierung der Klänge stärker zutage. Ab der Plattenmitte entstehen seltsam mantrische Muster, dem Klang einer Orgel nicht unähnlich, ergänzt um zahllose weitere Elemente, die sich aus Feldaufnahme, Drones und leicht angezerrten Obertönen zusammensetzen.
Eine sehr schöne Platte, die ohne den nötigen Pomp einer überschminkten Musikerwartung daherkommt. Neben der RLW von Substantia Innominata mein derzeit favorisiertes Release.
5/5
KENNETH KIRSCHNER
»Filaments & Voids« CD
12k
Es gibt Tonträger, da kann man als Rezensient sich die Finger blutig schreiben. Sicherlich ist das schmackhafte Beiwerk dieser Doppel-CD der angenehm unverkopfte Beilagentext von Marc Weidenbaum, doch was sich theoretisch so angenehm liest ist in Wirklichkeit der Alptraum eines Kritikers.
Kirschner bereitet in »Filaments & Voids« die Zettelkastenmentalität auf und man möge den ersten Wortstamm »Fil-e« hier bitte sehr ernst nehmen, denn die Stücke beschreiten eine Richtung die es fast unmöglich macht, einen kritikalen roten Faden zu finden. Bereits das erste Stück bietet über die Dauer einer knappen halben Stunde tausende Drones, abgelegt in kaleidoskopischen Abwandlungen ihrer selbst. Man hat das Gefühl als wolle Kirschner tilgen, was sich noch vor wenigen Minuten im Gehörgang befand, so subtil geht Kirschner zu Werke, blendet sanft Pausen zwischen die oftmals nur Sekunden währenden Droneverwischungen und bietet am Ende eine Sammlung chimärischer Musik.
Das letzte Stück auf der ersten CD hingegen bietet entgegen des Randommodus der ersten beiden Werke einen sequenzierten Orgeldrone, moduliert über die zeitliche Dauer von knapp 22 Minuten, mutiert zu einer frequenzreichen Fahrt durch silbrige Schattenwälder und sepiafarbene Eindrücke unserer Umwelt.
Die zweite CD ist hingegen ein Stück Pianomusik, ausgedehnt auf die Dauer von knapp 75 Minuten und wirkt hier besonders stilvoll, ähnlich einer Etude von Akira Rabelais, gehüllt in Rauschen, naturalem Clipping und Umweltnoise. Einziger Kontrapunkt ist hier die sogar nicht passen wollende Technik, die Klavierriffe immer und immer wieder in die Stille zu versenken.
4,5/5
VOICE OF EYE
»Substantia Innominata« 10“, Limited Edition
Substantia Innominata
Substantia Innominata beweist seit ihrer kleinen Releasekollektion größte qualitative Sorgfalt, aber hier scheint mir das Droneklischee in jeglicher Hinsicht ausgereizt. Drei lange Stücke mit Vokaldrones, die über die Rezitation menschlicher Vokale nicht hinausgeht und auf Dauer doch etwas zu belanglos wird.
Einziger Lichtblick ist die B-Seite mit ihrer etwas getrageneren Machart, letztlich bleibt jedoch ein fader Nachgeschmack für knapp 40 Minuten Musik.
Laut Aussage nutzen Voice Of Eye auf dieser 10“ neben selbstgefertigten Effekteinheiten auch weltmusikalische Instrumente, von denen das menschliche Ohr jedoch aufgrund der starken Dekonstruierung nichts mitbekommt. Die Stücke sind sehr fließend, die Subbassdominanz der einzelnen Stücker hervorragend herausgemastert, doch das Endergebnis bietet zu wenig Raum für Einzelwahrnehmungen der hier verwendeten Klangerzeuger.
Definitiv die schwächste Veröffentlichung des Bremer Labels.
2/5
INFRA RED ARMY
»Entrails« CD
Laton
Dmitry Soroka, ukrainischer Musiker, beschreitet abseits seines seit der Jugend vorgegebenen Pfad mit der Gitarre hier den Weg der Elektroakustik und computergestützten Komposition.
Tendenziell angesiedelt in der non-mainstreamlastigen Musikwelt, bewegen sich die auf »Entrails« versammelten Werke auf einer emotional verankerten Ebene. Bisweilen muten Titel wie »NocTurn« oder »EnCore« wie in Auftrag gegebene Film- bzw. Theatermusiken an. Das Material präsentiert sich agil und lebendig, beinhaltet sowohl Versatzstücke klassischer Musik in Form von Streichern und Klavieren, als auch verfremdete Akzente der abseitigen Klangkunst von heute.
Auffallend bei »Entrails« ist der wie eingangs erwähnte überwiegend hohe Einsatz emotionaler Stilmittel. Sei es als volksweisenhafte Funktion der Gitarre in »Deja«, dem bruitistisch klimpernden Klavier in »Cage« oder dem schwammigen Noisebeginn in »Shram« mit seiner horroresken Frequenzverstimmung- alles deutet auf eine geradezu cinematische Arbeitsweise hin, die sich bisweilen unerwartet ins Gegenteil verschiebt und damit aufzeigt, dass der Sinn der Musik sich durchaus in ihrer wechsellaunigen Art ergibt.
Allerdings ergeben Soundlandschaften wie »PureCell« auch ernsthaftere Ansinnen. Vor dieser Kulisse bemerkt man erst recht, wie weit Soroka seine musikalischen Ideen aus Jazz und Klassik gezogen hat.
5/5
JANA WINDEREN
»Heat: Live In Japan« CD
Touch
Jana Winderen beweist laut Ausführungen des beiliegenden Promotextes hohes Geschick im Abnehmen submariner Klänge und Gletschergeräuschen. Der vorliegende kurzweilige Mitschnitt eines ihrer Konzerte ähnelt dennoch stark der Vorführung der rollenden, schmatzenden und leisen Töne ihrer bevorzugten Klanggebiete als einem Livekonzert mit dekonstruktiver Bearbeitung des Quellmaterials.
Ähnlich einem DJ mischt Winderen Aufnahme über Aufnahme übereinander, gleicht die Frequenz an und setzt leise Fades zwischen den jeweiligen Bestandteilen. Der ebbende Fluss droniger Delayfrequenzen mag da noch via DSP umgesetzt worden sein, der Rest wirkt wie der bereinigte Wahnnehmungsklang eines Menschen, der seinen Kopf in eiskaltes Gletscherwasser steckt und dabei das Wasserrauschen der endlosen Unterwasserweiten ins Ohr gebrüllt bekommt. Der Effekt gleicht dabei durchaus dem einer recht großen Stereoweite, ähnlich dem Wassertropfen in der Regentonne, akustisch betrachtet.
Jana Winderen greift dabei so kristallin in die reiche Klangfauna der sonst verborgenen Orte ein, als hätte sie die Aufnahmen nicht via Unterwassermikrophon aufgenommen sondern ein Audiomikroskop in den Fjord gehalten. Essentiell, spannend, ohne Frage.
5/5
RICHARD GARET
»Intrinsic Motion« CD, Limited Edition
Non Visual Objects
Bewegung ist hier das zentrale Thema, dem hier in reduziert-minimaler Weise gefrönt wird. Richard Garet, dessen gemeinsames Werk mit Dean King mir noch wohl in den Ohren liegt, erhebt sich hier weit über die Ebene des Mikrotonalen hinaus.
Startet »Intrinsic Motion« noch relativ dezent, als hätte man weisses Rauschen mittels Tonband in unerhört langsamer Art abgespielt, beginnt »For Shimpei Takeda« mit leisen sinuesken Feedbacks und träge ausschwingenden Saiten eines unbekannten Instruments. Beachtenswert ist dabei der langsame Aufbau, der Wechsel zwischen hohen und sehr tiefen Tönen mittels langgezogenen Einschwingvorgängen sowie der dezenten Zumischung manipulierter Feldaufnahmen.
Der obligate beiliegende Klappentext zur CD ist allerdings eine relativ kopflastige Sezierung der Vorgänge auf dem Tonträger und macht am Ende nicht eben schlauer. Relativ auffallend ist der Einsatz von Zeit, Transponierung und eben Bewegung, in deren Radius sich sämtliche Werke auch bewegen.
Die Umsetzung der Bewegung gerät dabei teilweise recht schnittig im wortwörtlichen Sinne, erreicht der Zenit einiger der vier Titel doch bisweilen kurze Momente der Stille, in deren nächstem Verlauf das Auf- und Abtauchen eines völlig neuen Klangereignisses keine Seltenheit darstellt.
Ein sehr reichhaltiges Konzept und dennoch meisterlich umgesetzt.
4,5/5
HECKER
»Acid In The Style Of David Tudor« CD
Edition Mego
Hecker vereint Avantgardemusiker David Tudor mit dem berüchtigten TB909-Techno der späten Achtziger zu einer wahrhaft surrealen Interpretation des Technomovements um 1988.
Nimmt man den Titel der CD genauer auseinander, fragt man sich ob Herr Tudor Acid auch so umgesetzt hätte. Das Ergebnis bietet auf dem ersten Hören keinen genauen Anhaltspunkt, bewegen sich die Stücke in gewohnt Hecker’scher Manier auf dem höchsten Abstraktionslevel welches zu erreichen gilt.
Der Anfang beweist bereits mit seinen überaus maliziös ausgeführten binauralen Mono/Stereomanipulationen bereits bestes Understandment neuzeitlicher Klangakustik. Hecker ist Psychoakustiker, die analog vorbereiteten Grundtöne des Buchla Modularsynthesizers werden mittels Comdyna Computersystem auf ein Level a la 2.0 gehievt und schlussendlich mit allerlei Binaural- sowie Monomischtechnik editativ aufbereitet. Der Aufforderung diese CD jedoch mit höchster Lautstärke zu lauschen sollte jedoch nur nachgegangen werden, wer dafür das nötige HiFi-Equipment sein eigen nennt
Die als Zwischenspieler enthaltenen »ASA« Stücke sind tinnitusaffine Strukturen, die jedoch mit ihrem zerrenden Obertonklang schon eher an das Sägezahnzwitschern der Roland-Silberkiste erinnern.
Das finale »Ten« birgt als Grundszenario allerlei Kompressionsartefakte, deren Witz darin liegt, dass vermutlich Hecker sein Album als schlechtes MP3 kodiert neu eingespielt hat und mittels extensiver Stereomanipulation in Kurzform gegossen hat.
Ein Album für jene, die 5.1 Aufnahmen mit Lautsprechern von Bang & Olufsen konsumieren oder sich die Mühe machen, Synthesizerschaltkreise zu vertonen.
5/5
JÜRGEN ECKLOFF
»Zwei Sinterflaschen in Wechselschaltung« LP, Limited Edition
90% Wasser
Die menschliche Kommunikation, angesiedelt zwischen verstehen wollen und nicht verstehen können oder sollen wird hier aufs feinfühligste von Jürgen Eckloff seziert. Das berüchtigte „Aneinandervorbeireden“ wird hier zur musikalischen Tour de Force, eingebunden in klassische Versatzstücke des Radioplays oder der Schallplattennovela.
Auf der A-Seite zeigt sich genau dieser Ansatz hervorragend, die sich in ihrer Verzweiflung an einen Fernsehpsychologen wendende Frau windet sich graziös um den eigentlichen Punkt ihres Anliegens herum, der gelegentlich unterbrechende TV-Seelsorger bemerkt mit steter Verschwafelung eigentlich gar nichts- seine mit allerlei psychologischen Begründungen gespickten Auslassungen sind reine Worthülse, repetitive Klangschalen, deren Sinn und Logik der Frau zwar nicht aufgehen mögen (wenngleich sie stets durch verbales Abnicken Verständnis mimt), aber dem Hörer den Genuß beschert, sich am gelahrten Gespräch beider zu erfreuen und geradezu pervertiert zu beobachten, wie das Gespräch letztlich mit keiner Hilfe für die Frau endet.
Die B-Seite geht dabei etwas zahmer an die Grundthematik heran. Der neuzeitliche Hauskonsument aufgeweichter Shoppingsendungen kommt nicht umhin, den teilweise geschraubten und gewundenen Ausführungen zweifelhafter Amateurmoderatoren zu lauschen- und dabei zu bemerken, dass eben jenes Spiel mit Worten und aus dem Zusammenhang gerissenen Satzteilen die eigentliche Kommunikation entlarvt und degradiert auf ein reines kommunikatives Problem: Es wird hier einfach mal bewusst und im Kunstkontext am Material vorbeigesprochen.
5/5
ILSE LAU
»De Tinnen Mannen« CD
Fidel Bastro
Ilse Lau’s Vorvermächtnis schlägt Wurzeln in der Veröffentlichung »De Tinnen Mannen«, fröhlich beschwingt, eine Landschaft in der Pelikane rülpsen und die Sau Sau sein darf.
Ilse Lau verherrlichen die Ehrlichkeit, erkunden via extensiver Avantrockbetupfung das selbsterklärte Ziel der Tornadologie und widmen den Uhlenbusch Onkel Heini. Ein so familiär angelegtes und geführtes Release verdient auch damit den Preis für wohlverdientes Spiel, sowohl in Ausstattung als auch in der konsequenten Umsetzung.
»De Tinnen Mannen« ist neben der eingangs erwähnten Klangsituation ein wunderbares Beispiel für Avantgarderock in jeglicher Coleur, sei es als Slow Rock oder synthesiertes Elementespiel zwischen Trompete, Schlagwerk und Violine. Ilse Lau schaffen ihren eigenen Status mittels angereicherter Krautrockästhetik in Schieflage und das ist angesichts ihres leider viel zu frühen Bandablebens eine famose Sache.
4/5
ALVA NOTO + RYUICHI SAKAMOTO/ENSEMBLE MODERN
»utp_« CD+DVD
Raster Noton
Insen und Vrioon sind Meilensteine der RN-Geschichte und das in jedweder Hinsicht. »utp_« ist glaciale Klassik, ein weiteres Juwel aus dem Hause Noto/Sakamoto, dieses Mal mit fachlicher und musikalischer Unterstützung des Ensembles Modern.
Gleich der Anfang hat eine geradezu betörende Wirkung, Sinus und Rauschen verweben sich mit den bruitistischen Geigenausbrüchen und den endlos gedehnten Streicherdrones zu einer edlen Metamusik, die Zeit und Raum aufhebt und trotz allem Ernstes eine gewisse Spielhaftigkeit nicht verliert. »Grains« zeigt den Einsatz Alva Notos in größeren Facetten, das Piano Sakamotos wird abgeschliffen und bis auf das Skelett freigelegt, während das Ensemble Modern seine Instrumente geradezu archäologisch reinigt und somit auf klare, reduzierte Klänge herunterbricht. Eines der schwermütigsten Stücke mit der Synthese aus einen verlangsamten Debussy und einem verjüngten Robert Rutman.
Interessant ist für »utp_« der Einsatz der Instrumentennebengeräusche. Man scheint genau zu hören, wie die Musiker ihre Saiten spannen, das Piano angeschlagen wird. Mit genau jenen Restklängen arbeiten die Musiker, schicken die Spuren durch Effektkreise und transmutieren alles zu einer Musik, die entfernt an RLWs großartige Geräuschetuden erinnert.
»Transition« ist ob der Kürze des Stückes ein weiteres Großwerk auf »utp_«, die einzelnen Klänge werden hier nicht mehr als Einzeltöne wahrgenommen, sondern harmonisiert ausgegeben und zu einem Drone transformiert, dessen Obertöne teilweise an ein Schifferklavier erinnern.
Die beiliegende DVD enthält das Konzert sowie ein Making Of zur CD und Entstehungsweise des Projekts. Alleine das Konzert ist ein Vergnügen, mit seiner visuellen Bandbreite erhöht die DVD den Genuß dieser Veröffentlichung ganz erheblich.
5/5
AprilApr 8 Wednesday Wed 09
COLLEEN
»Mort Aux Vaches« CD, Limited Edition
Staalplaat
Ein etwas älterer Staalplaat Titel in der unvergleichlichen MOV-Reihe, diesesmal als kleines akustisches Bonbon in französischer Frauenhand.
Colleen macht von Anfang an alles richtig, spielt einen kleinen mechanischen Walzer auf winzigen Spieluhren, deren teilweise hübsch sich überlagerndes Resonanzspiel sie in dumpfe Hallräume wirft ehe einige der Töne sich überwerfen und sich in bizarren Klangformungen winden. Jede Transformation ist jeweils von geradezu schreckhafter Zögerlichkeit, ein nur Sekunden währender Exzess, der in der nächsten Sekunde wieder völlig freies Spiel der musikalischen Elemente garantiert.
Jeder der nachfolgenden Titel ist einem Instrument gewidmet, sei es die Ukulele, das Cello, das Daumenklavier oder diverses andere Spielgerät. Colleens Ansatz ist dabei bedächtig ruhig und frei, die digitale Transformation kaum spür- und hörbar, stattdessen offenbaren die geschichteten Klänge eine seltsame Form der Wehmut, die sich in allen Kompositionen wie ein roter Faden durch das Werk schlängelt. »The Melodica Song« ist dem einsamen Seemann in nostalgischer Verklärung gewidmet, »The Thump Piano Song« spielt auf afrikanische Rhythmik und den roten Zauber des Dschungels an während zum Ende das europäische Kammermusikensemble seine Berechtigung findet.
»The Cello Song« mit seinen echolotartigen Celloschwingungen klingt wie eine Offenbarung an einen dogmatischen Kurzfilm, während »Petite Fleur« wieder die kleine Spieluhr des Anfangs innehat.
Wunderbare Musik, die viel von der Sehnsucht der Welt in sich trägt. Eine äußerst strenge, aber auch sehr mütterliche Musik.
4,5/5
ASMUS TIETCHENS
»Litia« CD
Die Stadt Musik
Tietchens goes Pop. Ein wenig mager ist das Ergebnis schon, denn obschon Herr Tietchens seinen ganz eigenen Mainstreamregeln folgt, ist das eigenwillige Ergebnis von Moog und erstem Digitalexzess so was von ordinär unprätentiös, dass man sich denkt, hier könne sich Asmus einen Scherz mit seinen Hörern erlaubt haben.
Zugegeben die kurzen Einwürfe zwischen den teilweise extrem lange ausgespielten Titeln haben in ihrer zeitlichen Kürze sehr großes Potential gesammelt auf einer CD Einzug zu halten, aber was hier gewaltig fehlt ist der Hematic Sunsets Einschlag, wenngleich der Witz hier doch etwas offensichtlich ist. Das knallbunte Bonbonfoliencover der reproduzierten Sleevehälfte passt definitiv zum Klang. Asmus beginnt »Litia« wuchtig mit getaktetem Rhythmus und schön breitwandiger Hallfahne, dass es den Tanztee zur Entstehungszeit dieses Albums gerockt hätte, aber teilweise wird es etwas banal und lang. Zu lang.
Die Bonusstücke sind dann doch wieder mehr der Ausgleich für das vorhergegangene Album, schiefgestimmt und angereichert mit dem repetitiven Schnauben der Maschinen rast der Popwaggon dem Abgrund entgegen. Die vier Bonusstücke sind schön abstrahiertes Yamahageklöppel mit der Betonung auf Experiment und Fehler. Abstruse Musik für Hinterhoflokale oder avantgardistische Fleischeslustfilme. Jawoll, heute geht es mit Glacehandschuhen und gebürstetem Zylinder in den Aroma Club.
Album: 3/5
Bonus: 5/5
ILLUSION OF SAFETY
»More Violence And Geography« CD
Die Stadt Musik
IOS sind eine Institution erhabener Klangfetischisten und werden es wohl auch ewig bleiben. Das hier neu aufgelegte Tösen und frenetische Dröhnen der ’88 IOS Besetzung spielt hier beste Ballhausbeschallung, verhalltes Klimpern, rasant abgespielte Rockloops und ein Noisedrive, den Faust’s Peron selbst mit seiner Kettensäge nicht erreichen könnte.
IOS machen einfach, statt konzeptuell herumzukleckern, eine Veröffentlichung, die den freien Geist der NWW-Zeit und Current93 Ära atmet, um am Ende seine intimen Augenblicke in analoge Reverbs und unscharf gehaltene DJ-Ästhetiken zu werfen. Teilweise clashen IOS Plattenausschnitte aus Rockmusikeskapaden zu imaginären Cage’schen Tapeschnitten zusammen, dann wiederum spielen Burke und IOS-Core so was von improvisiertes Geschrote und Geknödel, dass man sich am Ende fragt, wer das Riesenknäuel aus Krach und Maschinerie wieder auflöst.
»More Violence And Geography« ist ein gordischer Knoten und gleichzeitig eine Hommage an die Industrialzeit der späten 80. Die auf dem Sleeve aufgedruckten Satellitenaufnahmen stellen dazu den passenden Link her, spiegeln sie doch die Komplexität dieses Albums in all ihren Facetten wieder.
5/5
MONOS
»Generators« 2CD
Die Stadt Musik
Colin Potter, die rechte Hand von Steven Stapeltons Avantgardeauswurf Nurse With Wound schlägt mit »Generators« sehr dezente Töne an. Der Verbund mit Darren Tate erschließt ziemlich all jene Seiten, die man bei NWW nicht genügend amplifiziert vorfindet: Ambient, Drone, Rausch, Phaser.
»Generators« ist erstaunlich anonym gehalten, farbenprächtige Grafikräusche auf dem mit dem Wort STILL betitelten Zweierdigipack sind die einzigen Anhaltspunkte, deren Informationswert jedoch außer im visuellen bei null liegt. Was sich hier auf annähernd zwei Stunden Material tummelt, ist phasergeleitetes Ambientdröhnen, amplifizierte Geräusche eines stoßseufzenden Wasserkochers und Potters elektronisches Treatment, das hier positiv dünn wirkt. Bisweilen wirken die aneinandergereihten Phasenverschiebungen der fern erklingenden Klangereignisse wie Reich’sche Klangkunst, eine mäandernde Kette unaufdringlichem Ambients, tote Drones, Statik.
Sicherlich ist »Generators« ein Set, welches sich erst nach langem Hören entschließt. Der Punkt ist die Wiederholung, die die CDs wie zähflüssige Versionen einer tonalen Kette wirken lassen. Musik für krankheitsbedingt unterbesetzte Agenturbüros. Aber dann bitte mit lautem Lüfterrestgeräusch und dem altersbedingten Knarzen der Festplatte.
4/5
MARC WANNABE
»Things Don't Last Very Long« CD
Moloko+
Cultureclash. Kampf der Genres. Audiogebrösel aus dem kollektiven Musikgedächtnis der letzten Jahre. Hip-Hop, Grime, Dub, Experimentelles und abstrahiertes Rhythmusgefühl. Random Music, bizarres Audiotheater für Leute, die unter ihre Achim Wollscheid-MP3s einen Technobeat mischen.
Marc Wannabe präsentiert mit »Things Don't Last Very Long« fucked up Jazz, Knödelpop, dümmliche Hip-Hop Etüden und breites Verständnis für jegliche Form von öffentlichkeitsfern entstandenen Schülerhandyaufnahmen getreu dem Motto: mach mir die Sau für 1 Minute Schulhofimpression. Alles aufgezeichnet. Da darf es auch mal grunzen oder spastische Vokalverrenkungen geben. Mach dich zum Horst verdammt noch mal.
Wannabe darf alles, erlaubt sich alles und zieht auch noch andere mit hinein. Column One sind dabei und dürfen Wannebe auditiv abkanzeln und ihn in der Karzer schicken, während Stea Andreasson ihn wieder aus der Ecke zieht um ihm mit rotem Lolitamund die Leviten zu lesen. Andreassons filmisches Zitateschnippeln aus der Krimiserie Der Alte mag da als pädagogisches Anschauungsmaterial dienen.
Das braucht es dann auch mal. Alle Register werden hier gezogen. Und wer das alles nicht versteht, sollte die CD mal vor der Schule in der Cliquenraucherecke abspielen. Damit bist du einer von allen bei soviel stilistischer Vielfalt.
5/5
Muslimgauze
»Syncophant Of Purdah« CD, Limited Edition
»Sulaymaniyah« CD, Limited Edition
Staalplaat
Herr Jones bedarf wohl keiner großen Worte. Zugegeben, ich bin nicht gerade großer Fan seines mit Verlaub gesagt recht gigantischen Audioerbes, welches Staalplaat als Verwalter unter das Volk gibt. Man kann aber jeder Muslimgauze-Veröffentlichung eine gewisse Genialität nicht absprechen und seien die Beitrage noch so reduziert, noch so sehr Statikpattern, noch so sehr Grundgerüst für ein nie beendetes Klangdokument.
»Syncophant Of Purdah« ist so ein Werk, fragmentare Loops, breite Triphop-Beats mit viel Drive und dem nötigen Knowhow des Effektes- mehr ist da nicht zu hören. Man kann sicherlich bei einer solchen Menge an Material und Remixen des bereits in zehnfacher Ausfertigung vorliegenden Grundmaterials eine gewisse Beliebigkeit nie ausschließen, aber warum Staalplaat eine CD herausbringt, die außer wenigen ausformulierten Stücken lediglich fragmentales Loopgewummer bietet- keine Ahnung. Da mag der Sachverhalt sein, dass Muslimgauze eine Beendigung der hier versammelten Nummern noch vor sich hatte, ehe sein frühzeitiges Ableben eintrat, aber für eine CD ist das arg wenig, leider.
»Sulaymaniyah« bietet dagegen mehr Klänge an, seien es acidgetränkte Breakbeats zwischen verhallten rückwärtsgespielten Arabstimmen oder Oizo’sche Distortiontracks mit ordentlich Bassdruck. Bisweilen hat man das Gefühl, dass Muslimgauzes analoges Equipment wohl mit Computertreatment noch mächtiger gewesen wäre, hätte es nicht die unumstößliche Haltung gegen digitale Lösungen gegeben. Intelligent reihen sich Phasenverschiebungen auf, Breakbeats pitchen auf einmal nach unten weg, Drumloops wandern im Stereofeld und zeigen damit der 4/4 Schule auch auf, welchen Wert Avantgardetricks in diesem Bereich haben.
Im Gegensatz zu »Syncophant Of Purdah« ein vielversprechendes Bindeglied der Archivserie und noch dazu ein sehr schön gestaltetes Audiowerk.
»Syncophant Of Purdah« # 3/5
»Sulaymaniyah« # 4,5/5
TOMAS PHILLIPS/DEAN KING
»À Travers Le Bord« CD, Limited Edition
Non Visual Objects
Mit Hall und Knistern geht es auf dieser erstaunlich kurzweiligen CD los, nach einer schier endlos erscheinenden Pause der Stille und Ereignislosigkeit reihen sich Movement an Movement, spielen beide Musiker sich doch zahllose Genres ihrer Zunft und erschaffen immer wieder aneinandergesetzte Miniaturen, bisweilen über die Dauer von Minuten bis hin zu Sekunden. Stilluppsteypa’s archaischer Powerbookdrone wird hier zitiert nebst ovalesken Monochromambientflächen bis hin zu traditionellen Knispeletuden der neuzeitlichen Avantgardemusik.
Die Zusammenarbeit der beiden Künstler setzt bewusst Akzente, teils durch den Einsatz kurzer Pausen, die fast dem Umwenden der Notenblätter innerhalb eines klassischen Orchesters gleichkommt. Nichts wirkt hektisch oder überstürzt, Phillips und King spielen gerade virtuos auf ihrer kleinen musikalischen Handwerkerkiste. Da sei es auch verziehen, dass einige der ausgespielten Passagen haarscharf an der Erwartung vorbeiziehen. Das ist das einzige Manko, aber es hat auch keiner verlangt das Rad neu zu erfinden. Sehr solides Material.
4/5
COLUMN ONE
»Classic Chill Out Rhythms II« 2CD
Moloko+
Es gibt Dinge, die dürfen manche Musiker einfach nicht machen. Klischees bedienen zum Beispiel. Umso schöner, wenn manch einer sich einen Dreck um tradierte Musik schert und obendrein eine Persiflage bietet, die fast als Sarkasmus angesehen werden kann.
Column One cutten, scratchen, loopen, sampeln und vertricksen hier abseits versiffter Stehcafetische und plastikgefertigter Chinarestaurantinterieurs hier ihre eigene Cafe del Mar Stimmung. Die Stimmung ist gut, handelt es sich hierbei um cineastische Bögen abstrahierter Ambientästhetik, treibend, packend und absolut gnadenlos im Verreißen des gängigen Chillout-Themas. Neben dem fast schon klischeeartigen Einsatz ordinärer Effekte wie lineare Hallfahnen und klassischer Droneführung nutzen CO sämtliche Register ihres Maschinenparks um den Stellenwert des ruhig gehaltenen Klangschleierwaberns innerhalb der ach so eingefahrenen Avantgardewelt zu erhöhen.
Einige der Stücke sind dabei alles andere als gewöhnlich, »Gangstar More Part 1« bietet eine seltsam verzerrte Version hauseigenen CO-Hiphops, gespickt mit deftigen Scratches und einer Prise Humor, wenn Herr Schalinski seinen lakonisch dahergesprochenen Text über den seltsam anmutenden Synthesizersplitter alias Bassersatz legt.
»Am Strand« ist wiederum diese Holzhammerästhetik, dieses einfach mal zusammengemischt haben, was man an Column One bewundern oder hassen kann. Das Zusammenspiel der Wellen, das ferne Geschrei spielender Kinder koppelt sich mit dem resonierenden Spiel von klöppelnden Fahnenmasten und einem Glockenspiel.
Die zweite CD bietet sehr archaische Klangkonstrukte der Schalinskifamilie, teilweise angeordnet zwischen Anrufbeantworteransagen derer Kinder. Im Gegensatz zur ersten CD ein etwas ernsthafterer Hörgenuss, der aber wiederum aufzeigt, dass die Herren des 90% Wasser – Kollektivs auch mal Kinder waren und es wahrscheinlich auch noch heute sind und wahrscheinlich immer noch ihr altes Legospiel unter dem Bett aufbewahren.
4/5
SND
»Atavism« CD
Raster-Noton
SND waren irgendwie nie wirklich weg. Abgesehen von Remixen und unbetitelten Schallplatten, deren obskurer Inhalt sich wiederum am stakkatohaften Rumpeln resonierender Technopattern ableiten (und erkennen) ließ folgt nun auf Raster Noton als zukünftiger Mille Plateaux Ersatz die neueste CD der beiden Musiker Fell und Steel.
»Atavism« bietet klanglich nichts Neues, die altbewährten DSP-Künste sind immer noch präsent und stetes Erkennungsmerkmal eines jeden der unbetitelten Stücke hier. Atavismus bedeutet aber auch soviel wie Rückschlag, bezogen auf evolutionäre Vorgänge und zurück gehen SND tatsächlich: hin zur Minimalstrhythmik, den tradierten Technovorstellungen, dem metallisch auslaufenden Klick, Glitch, was-weiss-ich. SND haben das Fleisch vom Minimalhype abgefressen, die gemästete Musikvorstellung der Neuzeit und der Clubgänger von Sehnen und all den anhaftenden biologischen Partien befreit und die Knochen freigelegt.
SND spielen eine andere Liga als die restliche Minimaltechnofraktion, aber warum es gerade dem Titel nach um atavistische Vorgänge gehen soll ist mir ein Rätsel. SND machen das was sie am besten können: hacken, stottern, brechen und jedes Klicken mit ordentlicher Resonanz polieren. Das war alles schon mal da, ist aber immer noch faszinierend zu hören. Vielleicht weil sie so was wie eingeschworene Musiker sind, aber vielleicht sind sie auch einfach nur sie selbst geblieben.
4/5
KINIT HER
»Glyms Or Beame Of Radicall Truthes« CD
Hinterzimmer Records
Hinterzimmer re-innovieren ihre Labelästhetik um ein Album, welches sich zu Recht Avantgarderock nennen darf. Hinterzimmer brechen mit alten Gewohnheiten alles in schleifige Musique concrete hüllen zu wollen und geben Kinit Her Raum und Klang um die Hinterzimmerische Klangtapete neu zu streichen.
Das Kinit Her Metal mögen, ist auf der CD gut hörbar, der Einfluss der stimmlichen Akrobatik manches raukehligen Headbangpoeten ist auch hier vertreten, aber über allem liegt ein sehr subtiler Schleier, eine gewisse Entkernung des eigentlichen Heavy Metal-Gedankens, eine fast schon surreale Fortführung des waschechten Rocks.
Schnelle Drums sind passé, große reverbale Räume und eine breite klangliche Mauer aus Synthesizer, Stimme und Gitarre bilden folkloristisches Musikgut, nicht unähnlich der sonischen Ästhetik von Current93 und seinem Leader David Tibet, welche ebenfalls als Kinit Her’scher Einfluss herhalten dürfen.
Stimmlich agiert ein wohltuendes Balancespiel zwischen tiefen Vokalen (aber oberhalb der kehligen Resonanz) und einer Stimme, deren Spiel wie ein geschnittenes Formantpuzzle diverser Katzenlaute klingt.
Alles ist dabei langsam, überhaupt spielt zeitliche Dynamik eine große Rolle, verdrängt bisweilen den Gedanken, ob die klangliche Sparsamkeit der Elemente nicht doch allzu bald zu einer ästhetischen Ermüdung führen- nein, ganz klar nein. Kinit Her beherrschen das klanglich archaisch gehaltene Orchester mit Zupfinstrumenten und dronigen Synthesizerschleifen.
Kinit Her spielen hier ganz großes Klangkino, die folkloristische Linienführung des Albums überwiegt jeden Ansatz, den ich von Hinterzimmer bisher kenne. Und das ist verdammt gut so.
5/5
NOISE DREAMS MACHINA
»In/Out« 7“, Limited Edition
Drone Records
Ein etwas anderer Start für eine Drone 7“. Sperriger Noise, herabgebremstes Rauschen mit einem zyklisch wiederkehrenden Klang, der sich stark nach Kreissägen in Zeitlupe anhört. Die A-Seite ergeht sich in zahlreichen mäandrischen Irrungen und Wirrungen, vermeidet die bloße tonale Standhaftigkeit mancher Droneplatte und zuckt unter der Last softwaregestützter Klangmodulationen auf teils zerrige Art und Weise, ehe ein eher beiläufig eingestreuter Oberflächendrone auf der kristallinen Kante des Grundmaterials eine Weile mitschwingt und am Ende in gitarrenampgeschwängerte Dröhnalität untergeht.
Die zweite Seite beginnt unsauber eingefasst in wabernde Drones, deren Betonung bei 33rpm eher auf dem Mittenteil der Boxen entfällt, ehe ein stetes sonores Geräusch rhythmisch unter der Flächenpatina hervorschaut. Glockentöne ergänzen das etwas angerauhte Klangbild, ehe die Seite einen weiteren Prozess erlebt, der die zahlreichen Einzeltöne in höhergefilterte Resonanzfeedbacks wirft. Sehr schöne DIY-Schleifen digitalen Dekonstruktionismus mit obligater Sinusmodulation am rauschigen Ende.
Eine sehr herausstechende Drone 7“ des feinen Bremer Labels.
5/5
ARTEFACTUM
»Sub Rosa« 7“, Limited Edition
Drone Records
Sub Rosa dürfte den audiophilen Avantgardefans gerade eine Eselsbrücke in die Hirnrinde schlagen, handelt es sich doch dabei um das belgische Label mit exzentrischer Randnischenexklusivität, deren Veröffentlichungen teils mehrere Dekaden elektronischer Musik umfassen. Hier bildet der Name jedoch eher den Bezug zur botanischen Weißen Rose als zum Industriallabel und auch tonal mögen Artefactum dem Namensnutzer ihres Singletitels nicht gerecht werden.
Artefactums 7“ in knalligem Pink spielt mit teils etwas klassischen Drones auf Streicherbasis mit schlitterig getakteten Delays, unterlegt vom leisen Geräusch platzender Wasserblasen sowie choraler Verschnittmengen. Leider scheinen Artefactum an den tradierten Dronetechniken der Neuzeit etwas festzuhängen, denn fast jeder Klang ist eingefasst in zahllose Delays und Reverbs und bietet einen eher zu organisch fließenden Klangstrom auf der A-Seite.
Die Kehrtwende des Plattentellers fördert dann jedoch das beste der Single zutage. Die B-Seite bietet sehr feines Streichergeknirsch, angereichert mit spartanischen Stimmzitaten und ergänzt um mittelöstliche Drones, deren Klang einen fast tranceähnlichen Wachtraum hervorrufen. Hintergründig agierend finden sich leise Trommelklänge, die dem ganzen einen fast schon schamanistischen Stempel aufdrücken. Fast schon schade, dass es immer nur eine B-Seite geben kann.
4/5
ALEXANDR VATAGIN
»Shards« CD
Valeot Records
Alexandr Vatagin bildet mit anderen Musikern das ebenfalls auf Valeot ansässige Kollektiv namens Tupolev, legt mit »Shards« jedoch ein ernstzunehmendes Solo vor. Anders als im eher folkigen Reigen der Tupolevmusik entspinnt Vatagin hier klanglich sehr facettenreiche Miniaturen, teils sehr detailfreudige Konkretmusik, deren Klang erstaunlich warm und träge dahinfließt.
Feedbacks und sinusoide Filterungen diverser Synthesizerkanäle bilden das Spinnennetz um die klanglich dumpf und langsam vorbeiziehenden Geräuschanteile. Vatagin gelingt es innerhalb seiner eigenen aufgelegten Zeitbeschränkung spannende Zerrspiele zwischen den Klangkomponenten zu bilden, den Atonalanteil kräftig aufzubohren und um diverse leise Elemente zu ergänzen, die sich darüber hinaus wie mikroskopische Zusatzeinheiten verhalten.
Instrumental nutzt Vatagin teilweise das Equipment von Tupolev in erstaunlich klar gehaltener Form. »Shards« bildet einen Mischhybrid aus Jazz, Drone und streckenweise Mikrosound. Sinus, Hochpassfilterung und Kammerorchester spielen hier einträglich nebeneinander, fusionieren, stoßen sich ab, trennen sich auf und bilden dann wiederum lange Ausläufer leisetretender Elektroakustik.
Einzig unverzeihlich ist die kurze Spieldauer, aber angesichts der Qualität mag dieser abgegriffene Avantgardetrick verziehen sein. Das ganze als Album und weniger als EP hätte dem Material hier dennoch durchaus gebührt. Sehr große Empfehlung fürs Frühlingserwachen.
5/5
NANA APRIL JUN
»The Ontology Of Noise« CD
Touch
Totgesagte leben länger, und das gilt auch u.a. für Dark Ambient-Experten a la Thomas Köner. Stilistisch bereichert sich Nana April Jun nämlich am körnig/schleifig/kiesigen Klang so mancher Mille Plateaux Veröffentlichung Köners, allerdings klanglich viel zu schütter und farblos, um den Konzeptkünstler Köner das Wasser zu reichen.
Man verstehe es nicht falsch: Ich schätze Köners Klangkraft sehr, aber hier wirkt alles trotz steriler Materie sehr farblos, öde und bisweilen recht ereignislos. Die Zeiten des Isolationismus innerhalb der zeitgenössischen Musik sind schon recht lange vorbei.
Die gesamte CD beeinhaltet ein Thema, Noise in verschiedenen Varianten, sei es als Schnittmenge pansonischer Knisterschnittmenge oder verhallenem Rauschen in resonanzhaltigen Räumen. Und da ist das Problem: Die zeitliche Länge manches Stückes macht es hier fast wieder schwer, über die tatsächlichen Einfälle und kreativen Ideen dieser ‚Ontologie’ zu schreiben. Da wird über den einen oder anderen gut abgepassten Kunstgriff zu schnell digital hinweggewischt.
Weniger ist manchmal mehr, auch wenn das feldaufnahmenlastige Endstück mit abstraktem Passfilterdub ganz schön schmissig daherkommt. Eins muss man Touch jedoch lassen: Wozencrofts Grafiken sind stete unzukommentierende Begleiter ihres Trägers.
2,5/5
MarchMar 9 Monday Mon 09
TOTSTELLEN
»Tunnel Brücke« CDR, Limitierte Edition
Reduktive Musiken
Totstellen ist eine Meisterklasse für sich. Nach der sehr schönen kleinen Droneexkursion mit Evapori auf dem Berliner AIC Label geht es hier in klanglich weniger feingestimmte Soundgebiete. Vielleicht mag es an der Akustik liegen (wenn ich recht verstehe, wurde das Quellmaterial der Bearbeitungen unter einer Brücke aufgenommen- man beachte den Titel) oder an der Ruhe mit der Totstellen sein Material vor dem Hörer ausbreitet.
Überhaupt, Totstellens Existenz im bürgerlichen Leben schafft wie immer einen idealen Grundboden für seine akustischen Experimente. Seine Fähigkeit in Bereiche vorzustoßen, die normalerweise dem Normalbürger verschlossen bleiben betoniert die Einstellung seiner Musik erheblich und bringt sie dem Hörer auch genauso nahe: unglaublich warm und unendlich.
Musikalisch vermengt finden sich Breitwandloops schwadronierend im Hintergrund, sägende Klänge rauschen seitwärts und abwärts durch das Klangbild und erinnern frappierend an Nurse With Wounds vordigitale Klangepen. Bisweilen säuselt eine Stimme fern der mechanisch reibenden Klangkaskaden, ehe ein stets nicht miteinberechneter Effekt das ganze Hörgerüst zum kippen bringt.
Der letzte Titel ist ein 24 Minuten langes Exzerpt einer Installation, ein monolithisches Gebilde aus Krach, sorgfältigst equalizierten Akustikaufnahmen irgendwelcher befremdlichen Klangerzeuger und artifizieller Soundeffekte, eine Reise durch sämtliche Stahlträger der Brückenkonstruktion, die hier als geistige Überidee die Verbindung zur Theorie schafft. Große Sache, nicht nur klanglich.
5/5
COLUMN ONE
» The Audience Is Sleeping« CD
Moloko+/90% Wasser
Moloko+
90% Wasser
Alleine der Beilagentext dieser CD ist ein Stelldichein des kompletten 90% Wasser Apparates, inklusive Gäste wie Rechenzentrum und Marc Wannabe. Das übrigens hübsch aufgemachte Digipakcover ist nicht das einzig ästhetische hier, auch die Musik ist in ihrer Art schlicht atemberaubend.
Schon der Anfang erinnert an Column One’s Werdegang auf ihrem eigenen Label, ehe Rechenzentrums kühle Mikrotonalfunkmaschine einsetzt. Ab hier merkt man wie sehr die Elemente Feldaufnahme-trifft-Clicks&Cuts aufeinander abgestimmt sind, Vögel werden im freien Flug angehalten um als verbogen-rhythmische Samplefinken elementare Teile der Perkussion zu bilden oder Objektaufnahmen, die nach ihrer radikalen Transformation als polyphoner Groove wiederauferstehen.
Beschwingt ist die Athmosphäre, die dieses Gerüst atmet. Nintendoklänge, heruntergebrochene IDM Rhythmik und sanfte Synthesizerwolken durchwehen und –ziehen die endlosen Weiten des Column One Sektors. Hat man sicher alles schon mal gehört, aber nicht in dieser verspielten, fast schon mantrischen Anordnung. Hier stimmt wirklich jede Kante, jede versäumte audiophile Entgratung und der Mille Plateaux Vergleich wäre hier schon ordinär.
4,5/5
GERT-JAN PRINS
»Cavity« CD, Limitierte Edition
Cavity
Da hat jemand seinen Hausswolff gut studiert. Manchmal frage ich mich, warum gerade solche Künstler (in eben diesem vorliegenden Fall Gert-Jan Prins) für solche artefaktischen Minimalakustikexperimente auch noch Stipendien bezahlt bekommen.
Klanglich ist die CD recht reduziert gehalten, wie beim skandinavischen Großminimalisten ist zeitliche Distanz und kaum merkliche Varianz ein großes Thema, welchem hier auch ausreichend in 30 Minuten gefrönt wird. Zeitweise drängt sich dann aber doch allzu sehr die Frage auf, inwieweit der Künstler in den Prozess seiner hier verwendeten Instrumente eingegriffen hat. Streckenweise gemahnt hier der verlockende Künstlergriff des Leerlaufs, wo die Maschine ihrem eigenen Prozess folgen darf.
Es schabt, es kratzt und plinkert in streng reduktionistischer Weise, nicht ein Ton zuviel, nicht ein Netzbrummen zu wenig, alles hier klingt kalt und streng nach pedantisch ausgeführter Musikformel. Der hier völlig fehlende konzeptuelle, geschweige denn musiktheoretische Hintergrund lässt die CD wie eine lose Aneinanderreihung artifiziellen Rauschens klingen, die hier durch allerhand selbstgebautes Maschinenwerk entsteht und jeglicher Führung durch den Komponisten entbehrt.
Neu ist das ganze nicht und vor allem war es schon in viel besserer Form da. Vor dem Hintergrund, dass das ganze auch noch mit Förderung entstanden ist, macht es mir die Veröffentlichung nicht sympathischer. Herr Euler-Donnersperg hätte es sicher Kunstscheiße genannt.
1/5
ALVA NOTO
»Xerrox 2« CD
Raster-Noton
Teilweise in harsches, eher subambientes Rauschen gehüllt und formal wie eine schlechte Transmitterübertragung gehalten, enthüllt die Xerroxmethode, die Nicolai hier anwendet bestes Droning in hochstilisierter Manier. Streicherklänge, abstürzende Terminalcomputer am Flughafen und Ryuichi Sakamotos Pianoetüden werden teilweise kraftvoll transformiert und digital ausgelesen weiterbearbeitet, bis schlussendlich kiesiges Rauschen und verhallende Resonanzen übrigbleiben.
Alva Noto digitales Prozedere geht allerdings konsequenterweise noch einen Schritt weiter. Der Vergleich zu Wolfgang Voigts GAS-Epik drängt sich stark auf, die Streicherseiten werden gedehnt und dann digital festgehalten während der Ton unendlich nachhallt und statisch sein Tempi hält.
Man hat das Gefühl als versuche Nicolai die destillierten Zutaten seiner Klangsprache immer wieder zu filtern um auch die letzten naturalen Bestandteile herauszulösen und vom nachfolgenden unweigerlichen Maschinendiskurs fernzuhalten. Das Ergebnis klingt wie fiebriger Ambient, wie flackernde Statik eines toten Radiosenders oder wie die Übertragung eines Schönbergkonzertes im Langwellenrundfunk.
Die Eigenart der xerroxisierten Samples liegt dabei deutlich auf den kaum greifbaren Stil. Man kann die einzelnen Bestandteile kaum klassifizieren, sei es nun der Noise, der Drone, der ausgehöhlte Ambient oder die klassischen Resonanztrauben, die teilweise an der Soundoberfläche erscheinen- man hat das Gefühl die Musik rutscht einem aus den Händen.
Von einigen Längen abgesehen eines der schönsten Veröffentlichungen auf Raster Noton seit langem und eine tiefambiente dazu. Ganz fassen kann man diese Neuveröffentlichung nicht, dazu bricht sie (wiedermal) zu sehr mit Alvas Klanggewohnheiten.
4/5
./MORFROM/.
»Around The Corner« CD
121234
Schön dass sich jemand mal wieder um die musique concrete verdient macht. Bei aller Computerakustik und Retroglitchästhetik der Neuzeit darf man schließlich nicht vergessen, wo der ganze Geräuschklang eigentlich seine Wurzeln hat.
./MorFrom/. sind keine Verpackungskünstler (das Cardboard ist nicht gerade hübsch geraten) aber umso mehr Klangkünstler. Was es hier zu hören gibt, schlägt die visuelle Seite um Längen.
Es knarzt, holpert, fiept und drückt in feinster Konkretmanier und trotz alledem gelingt es beiden Künstlern die strenge Balance zwischen Computernoise und klassischer Geräuschakustik quasi mit dem kleinen Finger zu halten. So ein gut ausgelotetes Musikalienwerk gerät einem nicht jeden Tag unter die Finger und genau das macht die CD so sympathisch. Die Reinakustik mancher Klänge sollte man allerdings nicht zu gering einschätzen, hier geht es teilweise sehr konkret zu, aber dennoch ein sehr verspieltes und klanglich ausdifferenziertes Werk. Wäre Lionel Machetti Pop, wäre er ./MorFrom/. Hut ab.
5/5
CERNLAB
»52.09« Download
Electroton
Electroton versprüht mit Nürnberger Charme frühe Anleihen an Raster Music, dem Vorgänger des heutigen Überlabels Raster-Noton. Alles ist schön reduziert, die Releases kommen mit TrackID und Zeitformula daher, das Cover ist bis auf 8pt große Arialbuchstaben blütenweiss oder erst gar nicht vorhanden.
Nach der letzten EP von Poratz kommt Marek Slipeks Release »52.09« mit reduzierter Musik auf Electroton heraus. Der Titel ist gleichzeitig die Lauflänge des Albums, es geht fein minimal zur Sache, aber nach drei Titeln bekommt man doch leise Zweifel, wohin es gehen soll.
Cernlab begreift seine musikalische Formula als akustisches Researching, das Resultat ist dafür umso weniger akademisch als es die Herangehensweise bzw. Intention dahinter suggeriert. Im Gegenteil, die Ergebnisse sind schlicht und einfach bis auf wenige Ausnahmen zu antiquiert, die klangliche Statik der Stücke und ihre hoffnungslos vorhersehbare Struktur verbreitert diesen Eindruck zusätzlich.
Cernlab lässt die wenigen guten Ausnahmen leider hoffnungslos zwischen softindustriellen Stücken versickern. Dabei hätte der eine oder andere Titel durchaus Potential zwischen jeder modernen Minimalkompilation zu bestehen. Angesichts des Albummaßes ein sehr schwacher Trost.
2,5/5
LUCIO CAPECE & MIKA VAINIO
»Trahnie« CD
Edition Mego
Vainio, der alte Pansonic-Recke, frönt gemeinsam mit dem Instrumentalisten Lucio Capece seiner formidablen Soundästhetik jenseits seiner reduzierten Installationsambitionen.
Bewaffnet mit Elektronik und einigen Effekten vermengt Vainio das Saxophon/Bassklarinettenspiel von Capece mit seiner ureigenen Minimalelektrik. Die sägenden und teilweise kraftvoll ausgespielten Saxophondrones pressen sich teilweise in subharsche Klanglinien, deren Geometrie um einige Grundgeräusche und atomares Sinusspiel ergänzt wird.
Lobenswert ist das Spiel der Dynamik, beide Künstler scheinen Hand in Hand zu arbeiten und ihr Spiel um teilweise neue Aspekte zu erweitern. Bisweilen verschwinden die backgroundbedingten Grenzen der Künstler, da darf Mika auch gerne mal die Person wechseln oder Capece verziert die bröckeligen Noiseblöcke mit Conradesken Klangschleiern.
Widmet sich das erste Teilwerk der CD noch der eher noisigeren Seite sind im letzten Quartal zahlreiche Perlen zu finden. »Hondonada« beeinhaltet Wassertropfen und jazzartige Auswucherungen, während »Sigilo« selbst Asmus Tietchens gefallen dürfte mit seinen versprengten Droneinschüben auf monochromer Basslinie.
Den Abschluss dieser ungewöhnlichen Zusammenarbeit markiert dann »Manana«. Die Layertechnik die Vainio hier anwendet formt aus einzelnen Saxophontönen einen vielschichten Schiffsklavierdrone, der sich energetisch nach oben schraubt und konstant gehalten seinem Ende entgegengeht. Ein in vielerlei Hinsicht auch kammermusikalisches Klangwerk im übertragenen Sinne.
5/5
MIMETIC
»Out Of Tune« Picture LP
Moloko+
Mimetic ist teils Techno, teils Konkretelektro und die Bearbeitungen der hier versammelten Freunde auch. Experimental ja, aber auch dermaßen lässig elektroid, dass man sich schon wundert, wieso Herr Schalinski und sein Column One Orchester ein dermaßen technoides Brett auf die A-Seite pressen lassen. Ist Norscq noch vergleichsweise ruhig mit seinen angezippten Geräuschen und breiten Elektroloops, bricht Column One den Bann dermaßen ungewohnt technoid, dass man sich fragt, ob da nicht die Seiten durcheinandergekommen sind. Eine zarte Mac-Vocoderstimme plappert, ein schmissiger Beat setzt ein während die Gitarre gerne mal den Stereokanal wechselt und endlos lange Echos werfen darf. Eines der ungewohnteren CO-Stücke und ein krasser Stilwandel obendrein. Die A-Seite endet mit einem Remix von Stocha, dessen wuchtige Haubitzenpattern fast durch das Arrangement sacken und obendrein mit raffinierter Goblin/Dario Argento Melodie daherkommen.
Der Seitenwechsel fördert die eher listeningartigen Stücke hervor, beginnend mit Elektroplasmas zerrendem Remix von »Flood«, dessen Einleitung zahlreichen mechanischen Geräuschen die Möglichkeit zur Klangentfaltung gibt, ehe ein industrieller Mechanikrhythmus das grobe Konkretarrangement breitwalzt. Tonmäßig reichlich abstrakter Stoff, der inhaltlich auch nicht zur genremäßig abgeschlossenen A-Seite passen will.
Ah Cama-Sotz spielen den längsten Titel auf und verwandeln »Illlektrik.Toolz« in ein Scanner-esques Darkambient Szenario. So ganz gefällt mir Ah Cama-Sotz Ansatz nicht, denn zu selten scheinen die Zwischeneinwürfe des Remixes herausgestellt oder gar ausgespielt zu werden. Ein Umstand der allerdings verzeihlich ist betrachtet man das intelligente Noisesequencing und die komplexe verschachtelte Rhythmik die an eine deutsche Muslimgauze-Variante erinnert.
Phil Von beendet die Platte letztlich mit Streichern und wirren Stimmsamples, deren Verlauf hörspielartige Sequenzen freilegt, die man so nicht ganz erwartet hätte. Das Geschrei eines Kindes bildet den fast cinematischen Übergang zu einer horrifizierten Variante des Streichorchesters verbunden mit digitalen Studiotricksereien. Zum Ende hin spielt Phil Von die sentimentalsten Versatzstücke aus Samuel Barbers Adagio For Strings in seine Aufnahme hinein.
Eine sehr schöne Platte, durch und durch.
4,5/5
EVAPORI
»Rehearsals For Objects« CD
1000füssler
1000füsslers industriell gefertigte Releases erreichen einen neuen Maßstab. Neben Tietchens und der sehr schön angelegten Heizungs-CD ist Evaporis Beitrag zum CD-Labelkatalog ein weiteres ungewohnt klingendes Zeugnis Neuer Musik.
Völlig losgelöst vom Digitalkrach oder jedweder PlugIn-Klangmasse erscheinen die hier versammelten Stücke wie alte Schneidetischexzesse eines digital aufgemöbelten Walter Ruttmanns.
Die raumklangtechnisch ausgesteuerten Klänge und Geräusche werden mittels ihrer Aufnahmeposition verfremdet und steuern damit gegen den sonst allgegenwärtigen digitalen Verfremdungsprozess. Klanglich angesiedelt zwischen einer ausziselierten Kapotte Muziek Komposition und einer Esseiva Etude passiert im zeitlichen Rahmen dieser CD anfangs eine Menge: feine Schleifklänge wechseln teils in rapiden Wechseln ihre Soundzustände, lösen sich auf und bilden feine Schnittkanten, an deren teils gratfreien Oberflächen allerlei konkretes Material sich ansammelt, ehe es mit einem schnellen Schnitt in andere Ebenen gehoben wird.
Der zweite Satz zeigt die stärkste Dekonstruktion mittels Audioschnitt und Collaging, weicht doch der geschickte Einsatz der Stille teilweise radikalen Rückwärtsrichtungen des Quellmaterials, ehe der letzte Akt der CD in teilweise recht droniges Basisbrummen gleitet und etwas schlüpfrig den Weg aus der Komposition weist.
Evaporis Ansatz einer völlig raumklangbezogenen Kompositionsweise macht vor allem dann Sinn, wenn die ohnehin sehr liquiden und scharf gestellten (Rest)geräusche in teilweise verzweifelt wirkender Flucht ihre Plätze suchen. Die in endloser Rotation wiederholten Brummschleifen unter den gestreuten Sounds macht es fast schon wieder interessant, mal selber die Lautsprecher um einige Zoll im Raum zu verschieben und den damit verbundenen Akustiksituationen zu lauschen. Ganz schön interaktives Material.
5/5
FebruaryFeb 19 Thursday Thu 09
BLACK TO COMM
»Fractal Hair Geometry« CD
Dekorder
Black To Comm sind auf ihrem mittlerweile zweiten CD Release einem deutlichen musikalischen Quantensprung unterworfen und formulieren in sieben elegischen Werken zwischen gutturaler Phaserakustik und Schwerelosigkeit ihre eigene Interpretation des zeitlosen Dröhnens.
Wer sich das letzte CD-Werk »Rückwärts Backwards« vor Augen hält, mag es kaum glauben, wie unnahbar fern vom vergangenen Klang die neue CD klingt. Das offenbart sich bereits am Anfang der CD. »Negative Volumes« klingt streng nach Okkultismus mit seinen geisterhaften Schwingungen und dem steten Heulen analogsynthetischer Gespenster. »Leigh Bowery« ist Wolfgang Voigts GAS Projekt in reduzierter Form und bietet schrille phasergetriggerte Drones mit stampfendem Minimalbeatgerüst, klanglich ebenfalls nicht unähnlich den ausgefalleneren Produktionen von Johannes Heil, »M. B. Memorial Building« vereinigt die europäische Welt mit dem Okzident mithilfe orientalischem Glimmer und sanft ausgefilterter Flötenakusik, deren gut gewählte Mischungsverhältnisse einen ausgewogen halluzinogenen Klang erzeugen.
Black To Comm zeigen eine recht unstete Klangakustik und genau da liegt der Knackpunkt bei dieser Veröffentlichung. Black To Comms organlastiger Sound verbirgt teilweise recht radikal -und ohne Chance es zu umgehen- das wahrscheinlich wesentlich interessantere Klangmaterial, welches den Studioaufnahmen wohl zu Grunde lag. Schade eigentlich.
3,5/5
MACHINEFABRIEK
»Dauw« CD
Dekorder
Zuydervelt’s erdrückend outputlastiges Pseudonym Machinefabriek zeigt mit »Dauw« neben der von mir sehr geschätzten Mort Aux Vaches CD im vergangenen Jahr Ambitionen Dauerläufer in meiner Anlage zu werden. Der klickrig-verschachtelte Stil von Zuydervelt und seine angenehm unakademischen Gitarrendroneexkursionen auf »Dauw« sind ein weiterer Beweis für die unendliche musikalische Formsprache von Machinefabriek.
Rückwärtslaufende Gitarrenbünde wechseln hier mit spitzen Granularklängen, verwoben und eingenäht in zahllose musique concrète Formationen in hintergründig eingespielten Geräuschwellen. »Fonograaf« klingt als hätte Thomas Köner den Laptop gegen die Gitarre getauscht, so nah liegt der Vergleich zu Köners subbassdominierten Mille Plateaux-Werken. »Engineer« bietet auf kompakter Länge subdigitale Restgeräusche, stark verlangsamtes Vinylknistern und jene bizarre Ästethik früherer »Homotopy To Marie«-Inspiritationen. Metall schwingt, Gitarrenseiten biegen und dehnen sich aus zu teils angezerrten, teils angenehm warm ausschwingenden Harmonien, stets begleitet von den oftmals vornehm zurückhaltenden Konkretklängen. Eine CD, die dem Lauschen bei geringer Lautstärke wieder einen Sinn gibt.
5/5
VOKS
»Darkvaks« 3“CD
Dekorder
Ahhh, Goodiepal. Wenngleich nur masteringtechnisch von ihm ausgeführt, stellt die Verlinkung auf den skandinavischen Säulenheiligen des Konkret-Folk-Synthpops dennoch eine Bereicherung für all jene da, die mit seinen Werken vertraut sind und nun über den Goodiepal-Kosmos hinausblicken wollen. Voks ist die logische, konsequente und dennoch eigenständige Schlussfolgerung zu Goodiepal, wenngleich der Schwerpunkt dieser frühen Dekorderveröffentlichung auf synthetischer Folklore liegt. Der Vergleich zu Felix Kubin liegt nahe, ist der Klang doch ein ebenso bizarres Konglomerat digitaler Verwischung und den reinen Synthesizerklängen, genussvoll und zelebral über diverse Modifizierungseinheiten wiedergegeben. Stimmen sucht man allerdings vergebens, lediglich der kurze Opener intoniert mittels stark verlangsamter Atemgeräusche Kuh- und andere Tiergeräusche eines altstämmigen Tierhofes inmitten der skandinavischen Einöde. Sicherlich eines der experimentelleren Dekorder-CDs, aber nichts desto trotz eine sehr humorvolle und kurzweilige Collage aus Folk und digitalem Reprozess.
5/5
DANIEL PADDEN
»Pause For The Jet« CD
Dekorder
Ein anfangs recht folklastiges Werk, was Padden auf Dekorder ablegt. Nichtsdestotrotz trügt der Schein, nichts auf dieser CD hält sich an feste Songwriterstrukturen, wenngleich der folkige Anfang eine gänzlich andere Herangehensweise suggeriert. Volcano The Bear’s Daniel Padden schafft zwischen ausformulierten Konkretsymphonien und zierlichen Sekundenminiaturen einen radikalen Bogen, der gleichzeitig vor geschichtsträchtiger Musikzitation nur so strotzt. Zwischen den faserigen Drones, den lo-fi Einsprengseln konkreter Geräuschzelebrierung und den markig-reizvollen Vokalbeiträgen schwingt Psychedelik mit, ein Stück weiter begegnet einem zwischen den musikalischen Zeilen ein reduzierter Ansatz zu Minimalmusik sowie verspielter, aber dennoch ernster Kammermusik.
»Three Farewells« mit seinem gezogen dronalen Beginn kippt in der zweiten Hälfte in quietschigen Jazz, konterkariert mit klagenden Vokalläufen, während »English Again« als Ausklangs- und fast-acappella-Stück in wenigen Minuten all das verkörpert und ausdrückt, was die vorigen 35 Minuten bereits erahnen ließen: ein unmissverständlicher Hang zu traditioneller Musik und weitgefasster Experimentierfreude innerhalb der für sich selbst aufgestellten traditionellen Regeln. Chapeau.
5/5
PHILIP SAMARTZIS/MICHAEL VORFELD
»Scheckenrock« CD, Limited Edition
Non Visual Objects
Ich bewundere NVO schon seit Jahren für den trockenen, akribisch gefilterten Geräuschklang, der den hauseigenen Künstlern so eigen ist, Jedes Release ist ein Spagat zwischen Installationsmusik und musique concrete plus dem neuzeitlichen Digitaltransformationsanteil.
Die limitierte Veröffentlichung »Scheckenrock« legt den Fokus auf trockene, schön raumhaft abgenommene Fieldrecordings zirpender Grillen, ein musikalisches Thema, dem sich beide Künstler in »Krause« auf fast schon schmerzhafte Weise widmen. Nach einigen Minuten wird der Grillenschwarm ausgedünnt um wenige Augenblicke als sinusartiger Drone in hochfrequente Klangbereiche vorzudringen. Spätestens ab hier nehmen alle Dinge einen fast schon traumartigen Zustand an, verklebt doch das frequenzlastige Digitalzirpen jedes daruntergelegte Geräusch neu, abhängig vom Hörer und seinem Abstand zum Lautsprecher. Ein Effekt, den normalerweiser nur die stringente Musik des Raster-Noton-Hauses bewirkt.
Bewegung ist »Scheckenrock« dennoch zueigen, kippt doch das Konglomerat aus Feldaufnahme, undefinierbarem Geräuschanteil und wohltuend behutsamer digitaler Transformation in bisweilen kaskadenhaft kräftige Noiseergüsse, jedoch ohne die Struktur der verwendeten Klänge allzu strapaziös zu verbiegen oder gar lärmig erscheinen zu lassen. Hier verstehen beide Musiker ihre Arbeit so, dass sie den Brei nicht verderben, sondern stets die Obergrenze zu kraft- und gehaltvoller Konkretmusik beibehalten.
Definitiv eine angenehm natural belassene Klangkulisse, ein Hybrid aus Surroundexperiment und Installationsmusik.
4,5/5
SHINKEI/LUIGI TURRA
»Yu« CD, Limited Edition
Non Visual Objects
Obgleich der prägnante Titel eine Verknüpfung zu ebenfalls verknappter Musik beinhaltet, ist das hier aufgefahrene Œvre musikalischer Zutaten reichlich üppig ausgefallen. Kinder spielen inmitten rauschiger Vinylaufnahmen, ihr fröhliches Geschrei gepaart mit Rufen eingedeckt in surreale Naturumgebungen. Bisweilen erliegt man dem Charme der unprozessierten Feldaufnahmen, wären da nicht die stets im Hintergrund lauernden artifiziellen Geräusche, mal in Form tiefer Frequenzbässe, dann wiederum in so scharfer und schneidender Form, dass sich bisweilen der Verdacht aufdrängt, die Künstler hätten ihr Material durch Audiomikroskope aufgenommen.
Neben den bewusst künstlichen Quellen, deren Existenz wohl für jeden Hörer einleuchtet verrät das Coversleeve ein paar weitere Zitate musikalischer Abstammung. Wenn mitten im digitalen Dschungelkosmos ein schnarrendes Radio leise dudelige Soulnummern der frühen musikhistorischen Zeit von sich gibt, könnte der Kontrast zu den teils tiefnatural wirkenden Feldaufnahmen nicht größer sein.
Eine spannende Veröffentlichung, die nicht unbeachtet bleiben sollte.
5/5
DAVID JACKMAN
»Edge Of Nothing« 10“
Die Stadt Musik
Die auf beiden Seiten mit gleichem Stück ausgestattete 10“ spielt sich besser auf der bewusst falsch gewählten Geschwindigkeit, offenbart doch die halbe Drehzahl des Plattentellers eine klanglich deutlich detailliert wahrnehmbarere (und zwangsweise auch längere) Variante der beiden musikalischen Themen dieser Jackman-Scheibe.
Klanglich differenziert sie sich wenig von dem, wofür Jackman und insbesondere sein früherer Organum Output stehen. Archaische Hornklänge, die bei der falschen Geschwindigkeit dem phantasiebegabten Hörer das Gefühl geben, die Mundstückklänge und das Keuchen der Hornbläser gleich mitverarbeitet zu haben. Soundtechnisch dicht besetzt und von noisig-lofi-iger Qualität gekennzeichnet, ist »Edge Of Nothing« eine Platte, die sich im Regal auch neben Robert Rutmans Stahlorchestrationen gut ausmacht. Einziger Kritikpunkt: Warum die B-Seite nicht auch klanglich variabel nutzen?
4/5
NON TOXIQUE LOST
»Terre Et Argent« LP, 2te Edition
Reduktive Musiken
Non Toxique Lost’s LP-Wiederveröffentlichung alter Kassettenpublikationen, aufbereitet mit geschmacklich hochwertigem Siebdruckcover in Eigenherstellung- Reduktive Musiken und der Wachsende Prozess zeigen mit dieser Veröffentlichung einen angenehmen Weitblick, zumal Reduktive Musiken wenig Vinyl aus dem eigenen Hause anbietet. »Terre Et Argent«, ein Paradebeispiel wie Achtzigerindustrial klingt, bietet neben übersteuerten Gitarrenformationen, geräuschhaften Synthesizerläufen und einer Unmenge an Delays und weiteren DIY-Effekten eine Vielzahl noisiger Klangwerke, deren Rhythmik und musikalische Akzentenbetonung teilweise an die frühe Neuzeit herankommt und die Einstürzenden Neubauten in Längen schlägt.
Während die Instrumentale eine gewisse Charmehaftigkeit und Raffinesse beinhalten, sind die teilweise in extremer Manier verzogenen Schlagwortkanonaden des NTL-Vokalisten seltsam gedämpft in den Hintergrund gepaart mit dem Effekt, dass man jegliche Vokalität gedanklich den industriellen Synthesizerschamanentänzen zurechnet, die einen hier empfangen.
Apropos: überhaupt ist die NTL-Platte ein eigenes klangliches Biotop, welches sich über diverse Musikrichtungen hinwegsetzt: miasmatische Synthesizerschlieren, torpedoartige Gutturalnoiseelemente und der teilweise verblüffende Einsatz geradliniger Schlagzeugrythmen. Um ansatzweise den ersten Titel zu rezitieren: eine mehr als (zufrieden)stellende Platte.
5/5
ATOM TM
»Liedgut« CD
Raster-Noton
Herr Schmidt auf Raster-Noton? Zugegeben, gemessen an seinen doch recht ausgefallenen Veröffentlichungen auf Mille Plateaux habe ich etwas gänzlich anderes erwartet, quasi eine logische Fortführung seiner streckenweise recht funkigen Abstraktionen.
Erstmal ist »Liedgut« eine Sammlung minimaler Klangkompositionen rund um das Thema Weißes Rauschen. Wie von Raster Noton gewohnt, beginnt auch diese CD schön konzeptuell, der klangliche Sturm des ersten Stückes, generiert aus purem Analograuschen bildet den Übergang zu den insgesamt 4 verschiedenen Musikzyklen, beginnend mit dem Zyklus „Wellen und Felder“: neben sanften Akkordflächen, über deren resonanzhafter Oberfläche lyrische Computerstimmen ihren Daft Punk-esquen Monologen frönen bietet der erste Zyklus erstaunlich nahe Referenzen zu Kraftwerk und ihren späteren digitalen Werken.
Überhaupt ist das Thema Technisierung hier einmalig: Wellen und Täler, der graphische Ansatz jeder im Audioschnitt dargestellten Wavedatei ist hier zentrales Grundthema, synthetisch erläutert und erstaunlich poetisch umgesetzt.
Bereits der zweite Zyklus weicht einer abstrakteren Formensprache, der Vokalanteil ist anders betont und die Thematik des Funksignals gerät zur glitchigen Fahrt durch Klickerbeats, Errorsignalen und dem Einsatz eines gestörten Handyfunksignals (im Bereich von Lautsprechern aufgenommen), welches hier den perkussiven Teil des Stückes »Funksignal« bildet.
Ab hier bildet der Technologieansatz gänzlich andere Blüten. Der Zyklus der Zwischenstücke, anonym eingefasst in die Titelnamen »Mittlere Composition« spricht eine wiederum andere Sprache als das vorhergegangene Material. Elemente des Barock und Biedermeiers finden hier ihren Platz, verspielte Arrangements und langsame Rhythmik werden mit Versatzstücken aus synthetischer Klassik konterkariert. Bisweilen schummeln sich Feldaufnahmen dazwischen, Vogelgezwitscher bildet den finalen Übergang zum letzten Zyklus des Weißen Rauschens.
Die CD schließt damit, womit sie anfing. Aus dem heruntergerechneten Rauschsignal schält sich eine auf einem Chord beschränkte Rythmik, eingehüllt in digitale Synthesizerschwaden plonkiger Effekte. Auch hier atmet der Geist von Kraftwerk, gerade der Vocodergesang über weißes Rauschen und den technisierten Alltag erinnert an die stakkatohafte Lyrik früherer Kraftwerk-e.
Das Schlusswort am Ende des Tonträgers spricht Florian Schneider von Kraftwerk selbst, vocoderhaft verzerrt. Was er sagt, wird nicht verraten, wäre aber Anwärter als Steigerung der ganzen Kraftwerk-Barockthematik, um die diese Arbeit kreist. Schneider trat übrigens selber vor kurzem aus Kraftwerk aus.
Hut ab. Das hier sollte sich keiner entgehen lassen. Wir warten schon auf die nächste Atom TM.
5/5
FEINE TRINKERS BEI PINKELS DAHEIM
»Vaginal Erbrechen« CDR, Limitierte Edition
Reduktive Musiken
Zugegeben, die Slasherbraut auf dem Siebdruckcover bewirkt doch reichlich andersgeartete Gefühle beim Anblick dieser Mixtur aus 7“ Schutzpappe, Insert und beigelegter CDR und auch der vulgäre Titel spielt eher auf manche Betitelung früher Noise-Veröffentlichungen hin. Der Schein trügt.
Das humoristisch gehaltene Beiblatt verrät freilich wenig über den hier versammelten „Handwerkerdrone“, nur das feine Schleifen in Looprotation, gepaart mit versprengtem Echokammerdröhnen und bizarren Sekundeneinspielern schneller Vokalcutups verrät uns etwas über die hier vorherrschende Klangsprache. Und die ist gar nicht mal uninteressant. Beginnt das Album relativ harsch, weicht es kurz darauf den mäanderhaften Droneverwirrungen eines Mirko Uhlig, deren Anteil im Vergleich zu vorherigen Veröffentlichungen sehr hoch angelegt ist, die Musik –gemessen an der wahrscheinlich bewusst provokativ gehaltenen Umverpackung– erstaunlich leicht und dennoch von hoher klanglicher Kompression.
Agile Geräuschmusik mit einem deutlichen Bezug auf das DIY-Ethos. Entgegen des allgemeinen Vorurteils der „Computermusik“ ein schönes handgemachtes Epos in Klang und Aufbau, wenngleich die Verknüpfung zu mancher Harshambientplatte der Achtziger dann vielleicht doch etwas weniger streng reisserisch auf dem Cover propagiert werden könnte.
4/5
STROTTER INST.
»Minenhund« CD
Hinterzimmer Records
Christoph Hess kreiert in 14 Stücken einen gewaltigen Fluss endloser Endlosrillenmusik. Sein Instrumentarium ist gleichzeitig mit dem sinnigen Vorsatz versehen, das maximale aus der Verkettung von manipulierten Lenco-Schallplattenspielern und Effektketten herauszuholen. Wahrscheinlich lacht Herr Hess herzhaft über den Einsatz der sonst so allgegenwärtigen Computersysteme, denn hier klingt alles streng nach 33rpm/ und 45rpm-Algorythmik, Loop über Loop schichtet sich zu mal fast diskotauglichen Vierviertelknarzern dann wiederum zu liquiden Droneexkursionen, die man in dieser Form kaum von einem Schallplattenspieler ohne Schallplatte erwartet hätte.
Dass Hess es vermeidet mittels aufgelegter Schallplatten Klänge zu generieren, unterscheidet ihn wiederum von Antimusikern a la Otomo Yoshihide, die eher mit manipuliertem Vinyl ihre Klänge hervorrufen. Das Schaben des Nadelabnehmers über den metallischen Drehteller und andere zweckentfremdete Apparturen gerät immer wieder zu bildhaften sonischen Abstraktionen, mal an geisterhaft ratternde Webstühle erinnernd (Titel »#3«), dann wiederum an die klangliche Nachbildung eines pflügenden Traktors gemahnend (Titel »#10«), inklusive Vogelgezwitscher und Berglandambiente.
Wenngleich erstaunlich in Bezug auf die klangliche Varianz eines unbelegten Plattenspielers, gerät Strotter Inst. fast in die unvermeidliche Grätsche zu Kunstmusik und Installation. Beliebig wird es nie, aber das gleichförmige Multilayerformat aus Loops, die auf zwei Geschwindigkeiten basieren, schüttelt den Kunstcharakter dieses Werkes trotzdem nicht ab. Dennoch, wer seinen alten Vinylspieler letzt noch entsorgt hat, wird sich beim Hören dieser Scheibe sicherlich ärgern.
4,5/5
SUM OF R
»s/t« CD, Limitierte Edition
Utech Records
Das Hinterzimmerkollektiv um Mäder, Ziegler und Hess formiert sich hier weder zu krümeliger Elektroakustik (RM74) oder gar Turntableavantgarde (Strotter Inst.), sondern bietet breitgewalzte, kiesige Dröhnschleifen in superbem Mischverhältnis zu Krach und hochdefinierter hintergründig agierender Geräuschakustik.
Bisweilen schimmern Ansätze der sonst lose und in Einzelarbeit tätigen Musiker durch, etwa das monoeske Kratzen der Lencoplattenspieler am Anfang von »Ural Umbo« oder Mäders Orgelspiel in »Bones, Beers And Muscles«.
Die Breitwandkulisse aus verzerrter Gitarre und endlos ausgestreckter Analogdrones verdeckt bisweilen jeden Ansatz des Beiläufigen und gerät schnell zu ruhender Statik inmitten eines stets mäandernden Klangflusses.
Zugegeben, ein wenig Einhörungsvermögen muss man für diese CD mitbringen, denn hier bricht das sonst für eher halbakademische Musik bekannte Hinterzimmertrio mit seinen elektroakustischen und antimusikalischen Musikansätzen.
Auch visuell bietet die CD einiges: ein feines CD-Jackett aus schwarzer Pappe mit silbernem Druck zeugt vom Grundsatz, dass hier Qualität vor Quantität geht. Wer auf Avantrock steht, sollte hier unbedingt zugreifen.
4/5
FAUST
»Rien« CD
Table Of The Elements
Die kurze Kunststille, die den Anfang des Albums bildet, weist nach nur wenigen stillen Sekunden den (Aus)weg in klangterritorisch völlig andere Gebiete. Man sitzt da und lauscht, wartet darauf, dass der erste Soundsturm vorbeigeht und wird dann in den nächsten Klangraum geschickt.
Windig ist es hier, Kinder spielen, und ganz fern, fast so fern wie ein Gebet geflüstert auf tibetanischem Hochland ertönt verhallen ein Saxophon, während Jean-Hervè Peron weit entfernt etwas ruft- Musik, die keine Musik ist, die so chimärenhaft wirkt und ebenso gut ein Exzerpt aus einem Film darstellen könnte.
Richtungswechsel. Wie erobert man die Stille fragen sich Faust und stellen gleich darauf ein Konzept auf, die eine aktive und asketische Herangehensweise an den Klang an sich erfordert. »Eroberung Der Stille, Teil II« ist angereichert mit sequenzieller Geräuschvielfalt, eine Wundertüte angefüllt mit all dem, was sich als Mittel im Kampf gegen Ruhe und Stille verwenden lässt.
»Listen To The Fish« ist der erste konventionelle Titel, genial illustriert von einem Piktogrammohr nebst Pfeil, der wiederum auf jenen stilisierten Fisch verweist um den es hier gut. Auch hier ist das sonische wohlstrukturiert, die Gitarre vornehm zurückhaltend eingesetzt um eine angenehme, fast schon rauschhafte Atmosphäre zu kreieren.
Ein zweites Mal wird angesetzt, die Stille klanglich niederzukämpfen. Diesmal sind die Waffen schärfer, der Klang bricht und rollt um dann überraschend umzukippen: über Kampfgeschrei und digitale Vogelschwärme schwebt konstant Goreckis Dritte Symphonie, gleich einem auditivem Heldenepos für all jene, die im Kampf gegen die Stille gefallen sind. Unwillkürlich stellt sich eine innere Unruhe ein, gepaart mit einer Melancholie, die ich lange nicht mehr bei einer Besprechung hatte.
Ein unglaubliches Album. Nach den Endcredits sitze ich noch lange da und frage mich was ich da eigentlich gerade gehört habe. Cinematisches Szenario für die Ohren.
5/5
CHEN YI
»THE 1978 - 1983« LP
90% Wasser
Zugegeben, als Freund obskurer Tonträgerhistorien bin ich ja einiges gewohnt, aber das hier schlägt dem Fass den Boden aus. Eine sich von der Umwelt abkapselnde Kommune (benannt nach einem kommunistischen Führer) hinterlässt in den 80zigern nach Auflösung eine Reihe von Bändern, die in endloser Arbeit zusammengepfriemelt wurden und nutzt dafür angeblich für die damalige Zeit höchst professionelle Technik ohne was davon zu verstehen- wenn das stimmen sollte, stellt sich wohlweislich die Frage nach dem Dilettantismus, der notgedrungen dieser LP innewohnen sollte.
Die Platte selber ist nämlich entgegen dieser Befürchtung erstaunlich homogen, ein wenig Crass, ein bisschen Punk, einfach alles ein Mischmasch aus Stakkatorhythmik, Feedback, zerstörten Vokallinien und ein bisschen Synthesizerdroning- voila. Dass das ganze nie ans Licht kommen sollte (angeblich waren einige Kommunenmitglieder dagegen Arbeiten zu veröffentlichen) und das Ergebnis eher sehr nach Berechnung und musikalischer Grundbildung klingt macht die Platte mysteriöser als der Sleevetext vielleicht offenlassen will.
Fakt ist, dass es sich hierbei um astreine Musik handelt, eine Musik die trotz ihres Alters und zwei Dekaden Unterschied in Zeit und Genre frisch klingt ohne Ende. Und mal ehrlich: Warum sollte Flood (Produzent von Depeche Mode u.a.) denn teilweise mitproduzieren wenn die Musiker eigentlich keinen Plan von ihrem Maschinenpark haben? Und wieso habe ich bisweilen das Gefühl dass da mal Herr Schalinski am Mikrofon war??
Mit einem Augenzwinkern von 90% Wasser, eine unglaubliche Platte, sei die Geschichte wahr oder erfunden.
5/5
a e m a g
(verantwortlich: Thorsten Soltau)
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Ahornstr. 14
26340 Zetel
Telefon: 0170 74 980 49
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