Posted on Jul 29, 2009
Hey, wir haben Sommerpause. Und sind trotzdem noch da. Gerüchten zufolge ist Ulla Schmidts Dienstwagen in Spanien wieder aufgetaucht. Das stimmt nicht. Kolja hat gestern auf der Düne beschrieben, wie es wirklich war. Hier zum Nachlesen:
Ey Mann, wo is mein Auto?
Ich krieche aus dem zerquetschen Autowrack und unter dem brennenden Lastwagen vor, klopfe mir die Hände ab und sehe mich um. Die spanische Landstraße ist völlig leer. All der Lärm der letzten Sekunden - verschluckt von der schwelenden Mittagshitze. Die Landschaft hat die Katastrophe hingenommen wie ein schlafender Tiger, dessen Schwanz eine Fliege wegschlägt, ohne dass er es merkt. Nichts zu hören außer dem Zirpen der Zikaden und dem letzten pneumatischen Todesröcheln des Lastwagens. Hinten läuft ein bisschen Öl aus und bildet eine Pfütze, die langsam größer wird. Ich gehe die Landstraße runter. Scheiße, wieder laufen. Und diesmal war es ein echt schönes Auto.
Ich habe kein Glück mit Autos. Es begann, als ich vier war. Eine Harfenschülerin meines Vaters hatte mir eins dieser Spielzeugautos geschenkt, die Lärm machen, wenn man sie über den Wohnzimmerteppich schiebt. Ich war unbeschreiblich glücklich. Ich schob das Auto die ganze Zeit über den Wohnzimmerteppich. Es gab nur das Auto und mich. "Hör auf damit", knurrte mein Vater von seiner Harfe her. Es gab nur das Auto und mich. "Hör auf, geh woanders hin", knurrte mein Vater." Es gab nur das Auto und mich. Das Auto war laut. Wenn ich es nicht schob, war es ruhig. Wenn ich es schob, war es laut. Sehr laut. "Geh in dein Zimmer", brüllte mein Vater. Es gab nur das Auto und mich. Das Auto war sehr schön laut. Es war vielleicht das erste Mal, dass ich so etwas wie einen Testosteronkick spürte. Dass ich spürte, was es heißt ein Mann zu sein.
Plötzlich fiel ein großer Fuß von oben in mein Sichtfeld auf das Auto. Laut krachend gab das Auto sein letztes Geräusch von sich, dann war es ein kleiner Haufen totes Plastik. Es war still. Still wie jetzt unter der spanischen Sonne. Wie nach dem Schuss bei einem Duell in der Wüste. Ich blickte langsam den Fuß entlang nach oben in das schnaubende, vor Wut rote Gesicht meines Vaters. Ich tat keinen Laut. Tränen schossen hervor. Mein Vater nahm das Auto, stapfte in die Küche und stopfte das Wrack in den Mülleimer. Ich rennte hinterher, nun laut flennend und brüllend, an den Hosenbeinen meines Vaters zerrend, als könnte er mir das Auto wieder bringen. "Rrraaa", brüllte er in mein Gesicht und verschwand türenschlagend wieder im Wohnzimmer. Sein Harfenspiel klang nun etwas überspannt.
Damit war alles gesagt zwischen meinem Vater, meinem Auto und mir. Es gab nicht mal eine Abwrackprämie zum Trost.
Das erste Auto, das ich mir kaufte, setzte ich gegen einen Baum. Totalschaden. Das zweite überschlug sich siebenmal. Totalschaden. Das dritte setzte ich gegen das Auto meines Vaters. Totalschaden. Nicht nur die Autos. "Du musst von den Autos loskommen", sagten meine Freunde. "Fahr Fahrrad. Nimm den Zug. Ich kann dich fahrn." Doch ich konnte mich nicht von Autos lösen. In jedem lebte mein erstes Auto. Jedes Mal, wenn ich in einen neuen Wagen stieg, gab es nur das Auto und mich.
Als ich mir keine Autos mehr leisten konnte, begann ich, mir einfach die Autos zu nehmen, die da waren. Sechs Autos hatte ich verbraucht, bis ich in Spanien angekommen war. Nun, nachdem ein 40 Tonnen schwerer Tanklaster auf der Gegenbahn ins Schleudern gekommen ist, von der Fahrbahn abgehoben ist und sich mit voller Wucht auf diese herrliche schwarze S-Klasse geworfen hat, die ich mit steckendem Schlüssel in Alicante gefunden habe, denke ich zum ersten Mal: Vielleicht ist es Zeit für eine Therapie.
Eine Frau kommt mit hängendem Kopf die Straße hoch, gefolgt von vier schwarzen Bodyguards im Trauermarsch.
Ich bleibe stehen und blicke ihr entgegen.
Als die Frau in meiner Nähe ist, hebt sie den Kopf. Sie guckt sehr traurig.
Ich schlucke. "Mutter?"
Die Frau guckt mich verdutzt an. Ich bin verunsichert.
"Sind Sie nicht meine Mutter? Ach nein, jetzt sehe ich's. Sie sind die Familienministerin. Vielleicht können Sie mir helfen, ich habe da ein Problem mit meinem Vater..."
"Nein, ich bin nicht die Familienministerin. Ich bin die Gesundheitsministerin. Ich suche mein Auto."
"Ach", sage ich, "Sie sind doch die, die dieses Programm erfunden hat: Jeden Tag 3000 Schritte gehen."
Kurz hellen sich Ihre Züge auf. "Davon haben Sie gehört?"
"Ja", sage ich, "war eine tolle Idee. Sollen wir zusammen ein paar Schritte gehen?"
Wir spazieren ein bisschen die Landstraße entlang. Ich habe das Bedürfnis die traurige Frau zu trösten.
"Wie sah Ihr Auto denn aus?"
"Na, so eine dicke schwarze S-Klasse mit Panzerfenstern. Ich liebe mein Auto. Ich gehe nirgendwohin ohne mein Auto."
Ich blicke zu Boden. "Ich habe dein Auto auch geliebt", sage ich. "Ich glaube es ist da hinten." Ich zeige schuldbewusst hinter mich.
In dem Moment bebt die Erde. Ein gewaltiger Knall ertönt. Wir fahren herum. An der Unfallstelle steigt ein Feuerball auf.
Ich strecke meine Hand aus. "Kolja"
Die Gesundheitsministerin nimmt meine Hand, die Augen auf das Feuer gerichtet.
"Ulla."
"Ulla", sage ich und nehme ihre Hand. "Schöner Name. Weißt du, Ulla. Du hast mich in einem seltsamen Moment meines Lebens kennen gelernt."
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